Von Rolf Düdder

Dortmund

Die Sätze prasseln Stakkato in die Westfalenhalle: „Es wird einen Tag der Rechenschaft geben, und an diesem Tag wird Ihr ganzes Leben vor Gott und dem Universum bloßgelegt – alle Ihre Worte, alle Ihre Taten. Gott vergißt nichts!“ 13 000 Menschen senken die Köpfe. Billy Graham steht auf der blumengeschmückten Bühne. Seine Stimme überschlägt sich: „Aber Gott ist auch barmherzig, und seine Barmherzigkeit ändert sich nie.“ Die Köpfe heben sich wieder. Graham hämmert: „Gott liebt uns. Er will uns errettet.“ Wie eine Trophäe schwenkt er die Bibel: „Ich glaube an dieses Buch von Umschlag zu Umschlag. Wenn ich die Bibel lese, spricht Gott zu mir.“

Der Eiferer des Herrn ist zur größten Evangelisation der Kirchengeschichte – er nennt sie Crusade, einen Kreuzzug – in die Bundesrepublik gekommen. Eingeladen hat ihn die Evangelische Allianz, der Zusammenschluß aller Landes- und Freikirchen. Allein der technische Aufwand nötigt Bewunderung ab: Vom 5. bis zum 12. April will er allabendlich in Dortmund predigen. Übertragen wird die Veranstaltung in dreizehn bundesdeutsche und zweiundzwanzig europäische Städte zwischen dem norwegischen Trondheim und dem jugoslawischen Zagreb. Das Organisationskomitee hat Messehallen, Theater, Kinos, einen Flugzeughangar und ein Eisstadion gemietet. Dort erscheint der Prediger auf Breitleinwänden. Trans World Radio Monte Carlo strahlt täglich von 22 bis 23 Uhr Ausschnitte aus der Veranstaltung auf der Mittelwelle 205 m aus. Die Kosten nennen die Veranstalter „vergleichsweise bescheiden“: 1,5 Millionen Mark für Werbung und Mieten und noch einmal der gleiche Betrag für die Übertragungen. Allabendlich seilen mehr als 100 000 Menschen angesprochen werden.

„Unser Bruder, Dr. Billy Graham“, so nennen ihn die Vorredner, hat zum Gigantischen ebenso enge Beziehungen wie zum lieben Gott selbst, als dessen Botschafter er sich auf Erden versteht. Er ist der Sohn armer Farmer schottisch-irischer Herkunft aus North Carolina. Dort wurde er am 7. November 1918 geboren. Graham promovierte in Theologie und Jura. Seit 1946 ist er Vizepräsident der internationalen „Jugend für Christus’-Bewegung.

Seine Evangelisationsgesellschaft in Minneapolis hat 400 Angestellte, allwöchentlich versorgt er 146 amerikanische Provinzblätter mit religiosen Kolumnen. Seine wöchentliche Radiosendung „Stunde der Entscheidung“ wird von 900 Rundfunkstationen ausgestrahlt. Die meisten Fernseh-Stationen zwischen Boston und San Franzisko bringen in jeder Woche einen Billy-Graham-\ Film, der in der von ihm ins Leben gerufenen World Wide Pictures produziert wird. Seine Zeitschrift Entscheidung erscheint monatlich in fünf Sprachen. Sie ist mit über drei Millionen Auflage die größte evangelische Monatsschrift der Welt. Graham hat auch zahlreiche Bücher geschrieben, Allein Peace with God wurde in 38 Sprachen übersetzt und erschien in bisher zwei Millionen Exemplaren. Als er vor einigen Jahren eine Konferenz veranstaltete, mietete er dafür den Ozeandampfer „Queen Mary“. Nach Präsident Nixon ist Billy Graham – das ergab unlängst eine demoskopische Umfrage – der populärste Amerikaner.

Er hat als Wanderprediger auf allen fünf Kontinenten vor mehr als 50 Millionen Menschen gesprochen. Ein deutscher Journalist nannte ihn das „Maschinengewehr Gottes“, aber Graham winkt ab: „Der Ausdruck ist mir zu militant.“ Der schlanke, von der kalifornischen Sonne gebräunte Gabriel in dunkelblauem Kammgarn hat etwas von der Güte Ben Cartwrights und dem Übereifer des Ablaßverkäufers Tetzel. Die Kollekte wird in Plastikeimern gesammelt.