Lagebericht aus einem Gymnasium

Von Nina Grunenberg

Erlasse kommen „von oben“ und werden dem Schulleiter und den Lehrern „unten“ auf den Tisch „geknallt“ – so der Sprachgebrauch in den Lehrerzimmern.

Als die Lehrer des „Mathematisch-Naturwissenschaftlichen und Neusprachlichen Gymnasiums“ in Düren kürzlich in ihren Fächern den neuen „Abitur-Erlaß“ vorfanden, ärgerten sie sich, noch ehe sie ihn recht gelesen hatten. „Ich danke Gott“, sagte einer der Älteren, „daß ich jetzt meine letzte Abiturklasse habe...“

Erlasse kommen oft, aber meist unverhofft. Ärger bereiten sie eigentlich immer. Wenn ein Erlaß lang ist, läßt Direktor Heinz Seeger ihn im Sekretariat vervielfältigen und im Lehrerzimmer verteilen; ist er kurz und, was nicht die Regel sein muß, einigermaßen verständlich formuliert, so trägt er ihn mündlich vor. Und wenn es nicht Ärger gibt, dann doch Verdrossenheit. Denn Erlasse treffen einen neuralgischen Punkt der Lehrer: Jeder Erlaß macht ihnen deutlich, daß sie nur Objekt sind, daß sie nicht gefragt, sondern stur verwaltet werden, daß sie in schier fritzischer Tradition zu gehorchen haben wie ein Rekrut. Ob die Lehrer solches Gefühl zu Recht oder zu Unrecht haben, spielt hier keine Rolle: sie haben es.

Der Kern des ärgerlichen Abitur-Erlasses war eine neue Regelung zur Beurteilung der schriftlichen Prüfungsarbeiten. Nicht mehr vom Fachlehrer und vom Direktor allein sollen sie beurteilt werden, sondern fortan von einer Kommission; im Erlaßdeutsch: „Die vom Fachlehrer beurteilten Arbeiten werden den Mitgliedern des Fachausschusses so rechtzeitig zugänglich gemacht, daß jedes Mitglied des Fachausschusses zu einem Urteil über die Arbeiten gelangen kann...“ Und auch: „Bei Stimmengleichheit gibt die Stimme des Vorsitzenden den Ausschlag ...“

Im Grunde ist der Erlaß gar nicht so ärgerlich, sondern eher vernünftig. Zensuren sollen mit mehr Gerechtigkeit erteilt werden. „Sie müssen doch zugeben“, sagt Heinz Seeger, der in seinem Amt vor allem auch für „Betriebsklima“ sorgen muß, „daß das Monopol des Direktors durch diesen Erlaß gebrochen wird.“ Bislang hatte er, wenn nicht der Schuldezernent den Prüfungsvorsitz führte, das letzte Wort über die schriftlichen Abiturnoten. Nun soll es bei der Beurteilung demokratischer zugehen.