Von Elena Schöfer

Seit der Etablierung der Psychiatrie als einer Wissenschaft von den „Gemütsleiden“ des Menschen ist die Zahl der Theorien immer größer geworden, die die Entstehungsweise dieser Leiden zu bestimmen versuchen. Psychologen, Soziologen, Genetiker und Biochemiker taten das Ihre, um die Geheimnisse des menschlichen Gehirns zu entschleiern: Die Verwirrung scheint jedoch heute so groß wie nie.

Das Seelen-Substrat erweist sich den Forschern stets desto komplizierter, je weiter sie in seiner Erkenntnis vordringen. Der letzte Schritt nun scheint mit der Bestätigung dieses Satzes auch die Lösung wenigstens eines ihrer brennendsten Probleme bringen zu können: die Biochemie der manisch-depressiven Erkrankung.

Dieses Leiden rechnen die Psychiater zu den „endogenen Psychosen“, im Unterschied zu den „exogenen Psychosen“ wie dem Alkoholdelir und den „reaktiven Psychosen“, die im Anschluß an ein seelisches Trauma auftreten können (Depressionen nach dem Verlust eines geliebten Menschen.) Endogen, könnte man ein wenig böswillig formulieren, ist eine Gemütskrankheit dann, wenn es den Ärzten nicht gelingt, „einfühlbare“ Ursachen für das Leiden ausfindig zu machen. Scheinbar grundlos ist der „endogen“ Depressive deprimiert: Sein Leben erscheint ihm sinnlos, er selbst sich wertlos, Schuldvorstellungen, Angstgefühle quälen ihn, sein Denken ist verlangsamt und kreist monoton um wenige Themen; Schlafstörungen, Wahnideen treten auf. Nach Wochen, Monaten oder Jahren kann diese Phase von einer „manischen Phase“ abgelöst werden, in welcher der Patient ebenso „grundlos“ froh, überschwenglich, agitiert sein kann.

Daß „Kummer, Sorgen, Unzufriedenheit und traurige Stimmung, wie man sie sich gewöhnlich vorstellt, nur eine sehr entfernte Beziehung zu diesem starken Leid (haben), das den Kranken Tag und Nacht niederdrückt“ (Delay/Pichot: Medizinische Psychologie, Stuttgart 1966), geht schon daraus hervor, daß die meisten Patienten klagen, gar keine Traurigkeit empfinden zu können; sie leiden unter ihrem Nicht-traurig-sein-Können, ihrer inneren Leere, Entschlußlosigkeit und Unfähigkeit. Die Melancholie, wie diese Krankheit auch genannt wird, ist „die psychische Störung mit dem höchsten Selbstmordrisiko ... Depressive Patienten haben ausnahmslos den Wunsch zu sterben, und viele von ihnen ... begehen Selbstmord oder unternehmen einen Selbstmordversuch“ (Erwin Stengel „Selbstmord und Selbstmordversuch“, Frankfurt 1969).

In der britischen Zeitschrift „The Lancet“ vom 21. Februar 1970 berichteten jetzt Dr. Y. H. Abdulla und Dr. K. Hamdah über ihre Londoner Forschungsergebnisse, die sie mit Hilfe einer zwar merkwürdig anmutenden, keineswegs aber ungewöhnlichen Methode erzielt haben.

Obwohl die Ärzte die pathophysiologischen Prozesse nicht kennen, die es (angeblich) zu beeinflussen gilt, wenn eine Depression geheilt werden soll, wenden sie doch einigermaßen erfolgreich verschiedene Medikamente an, deren genaue Wirkungsweise ihnen ebenfalls unbekannt ist. Untersucht man nun aber genau, welche Stoffwechselveränderungen zum Beispiel während einer solchen Behandlung eingetreten sind und schließt man aus, daß andere Faktoren als das Medikament für diese Veränderungen verantwortlich zu machen sind, dann kann man von dem Erfolg der Therapie auf die Grundstörungen zurückschließen.