Das offizielle Olympia-Plakat, das jetzt in einer Auflage von 190 000 Exemplaren in alle Welt geht, ist nicht gerade ein graphisches Signal. Dafür genießt es aber den Vorteil, voll den Vorstellungen zu entsprechen, die sich das Olympia-Organisationskomitee von einer Visitenkarte deutscher Graphik für den internationalen Gebrauch macht. Den Vorschriften entsprechend zeigt es das Zeltdach über dem Stadion und einen Fernsehturm als Motive. Darüber hinaus läßt sich noch sagen, daß es im farbigen Original noch um einen Grad scheußlicher ist als die Schwarzweiß-Wiedergabe. Die Farben sind Grasgrün, Weiß, Türkis und stumpfes Kobalt.

Verantwortlich für das ganze zeichnet das Referat Werbung des Organisationskomitees unter dem Oberverwaltungsrat Otto Haas, dessen hohes Ziel es ist, die Werbung für München, die er früher als Fremdenverkehrsdirektor vom Rathaus aus betrieb, auf olympischer Schiene zu neuen Erfolgen zu fahren. Daneben existiert – als ausführendes Organ – das „Büro für visuelle Gestaltung“ der Spiele mit dem Ulmer Gestalter Otl Aicher an der Spitze.

Das Olympia-Plakat ist sicher eine Verlegenheitslösung. Aus folgenden Gründen: Die Mentalität der meisten Entscheidungsberechtigten (und das sind viele – so viele, wie es der waltende Pluralismus dem eingetragenen Verein „Organisationskomitee“ befiehlt) stand gewiß stets einer Lösung mit Frauenkirche, Bavaria und Hofbräuhaus als Symbolen geneigter gegenüber als einem großen, wegweisenden graphischen Entwurf. Man war ohnehin schon unglücklich über die „Künstlerplakate“, für die Altmeister wie Marino Marini, Hans Hartung oder Serge Poliakoff ohne große Mühe und vorbei am olympischen Thema in die große Kiste gegriffen hatten.

Aber die Münchner Spiele sind nun einmal offiziell als Kombination gedacht von Sport und Kunst, denn „München hat die Spiele zugesprochen bekommen, weil insbesondere der kulturelle Rahmen, den diese Stadt zu bieten vermag, einer Erwartung des Internationalen Olympischen Komitees entsprach“ (so Willi Daume, Präsident des Organisationskomitees).

Es entstand der Zwang zum kulturellen Rahmen, zur künstlerischen Großtat. Ein Kunstausschuß wurde gegründet, und alle, alle kamen: Günter Grass und Hans Egon Holthusen, Erich Kästner und Alexander Kluge, Günther Rennert und Carl Orff. Natürlich auch Carl Zuckmayer und Friedrich Luft und Herbert von Karajan. Arrivierte, versteht sich, aber doch keiner, der, wäre er gefragt worden, sich für ein offizielles Olympia-Plakat mit ineinander verschlungenen Weißwürsten eingesetzt hätte.

Zehn europäische Designer wurden zu einem geschlossenen Wettbewerb eingeladen: Oskar Blase (Kassel), Hans Hillmann (Frankfurt), Mendel & Oberer (München), Wolf Zimmermann (Feldafing), Armin Hofmann (Basel), H. K. Henrion (London), Julius Zamecznik (Warschau), Herbert Leupin (Basel), Günther Kieser (Frankfurt) und Oldrich Hlavsa (Prag). Keiner unter ihnen, der sich nicht hinterher reingelegt gefühlt hätte. Sie hatten jedoch nicht gemerkt, daß mit fein abgestimmten Kautelen nur ein wettbewerbsähnliches Geschehen über die Bühne gehen sollte. Bedingungen, die eingestandenermaßen darauf abzielten, die Ideen der Designer für ein 2000-Mark-Teilnehmerhonorar, für einen Entwurf in „reproduzierbarem Zustand“ zu übernehmen.

Kein Skandal vielleicht, wenn man davon absieht, daß sich bedeutende Graphiker vielleicht in Zukunft vor offiziösen deutschen Wettbewerben hüten, aber wohl doch ein bezeichnendes Ereignis, wenn man weiß, daß: