Wer ein paar Wochen in England ist und nur in London bleibt – war nicht in England. Er versäumt Oxford und Cambridge, Küsten und Kathedralen, die alle in der Reichweite von Tagesausflügen liegen.

Und er versäumt Wiltshire, die Grafschaft, die der moderne Tourist meist ’durcheilt, wenn das südliche Wales oder die Ferienorte von Devon und Cornwall sein Ziel sind. Wiltshire aber ist zu schön und zu schade, links liegengelassen zu werden.

Zwei der Attraktionen von Wiltshire kennt (wenigstens dem Namen nach) jeder: Stonehenge und Longleat. Über die M-4-Autobahn erreicht man Reading, fährt weiter bis Basingstoke, dann auf der A 30 in Richtung Salisbury, aber nur bis zur Abzweigung der A 303 nach rechts über Andover und Amesbury nach Stonehenge. Auf der Vorzeitstätte kann jeder sein eigener Spekulant sein: Ob der Quaderzirkel nun der Zeitmessung oder dem Götterkult oder beidem diente; vor allem aber: Wie die Steinblöcke, die aus einem Steinbruch in Wales stammen, bis hierher befördert wurden.

Zum Raubtierfreigehege des Marquis von Bath ist es nicht mehr weit. Die A 344 führt nach Warminster, dann leiten die gelben Schilder des Automobilverbandes nach Schloß Longleat. Die Löwen des Marquis, deren schwer abgeschirmte, aber geräumige „Wildbahn“ man mit dem Wagen durchfahren kann, sind nicht mehr die einzigen Wildtiere im Park, Giraffen und Zebras sind jetzt dazugekommen. Auf dem See hinterm Schloß fahren Boote zur Affeninsel; für die neben dem Boot herschwimmenden Seehunde verkauft der Steuermann Futter, sixpence pro Eimerchen.

Zurück über Warminster und nach Bratton. Dort ißt man vorzüglich in einem Gasthof, der nicht the duke of, sondern the duke at Bratton heißt, eine Kuriosität. Und gleich von diesem Ort aus sieht man südöstlich an den Hängen das erste der weißen Pferde.

Das Bratton „White Horse“ mißt etwa 55 mal 55 Meter, sein Alter ist unbestimmt; 1741 wurde es „restauriert“ und wohl auch ein bißchen im Entwurf verbessert (wenn das hier der rechte Ausdruck ist). Die aus den Abhängen der Kalksteinhügel herausmodellierten Supertiere von Westengland sind, als sie entstanden, sicher Wunder der Handwerkskunst gewesen. Heute würde man sie am Landvermesserschreibtisch projizieren und die Ausführung vom Hubschrauber aus überwachen. Damals aber mußten die „Pferde-Künstler“ ziemlich weit laufen, um sich durch Augenmaß davon zu überzeugen, daß die Proportionen stimmten.

Natürlich stimmen sie nicht so ganz. Manche der weißen Pferde sehen eher wie Lama-Gazellen aus: Die Köpfe zu klein, die Ohren zu groß, die Beine zu dünn. Ihre Entstehungsdaten liegen zumeist zwischen der Mitte des achtzehnten und der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, mit nur wenigen – älteren – Ausnahmen. Sie stellen also in der Mehrzahl die Renaissance eines alten und natürlich unergründeten Brauchs dar, der vor allem hier in Wiltshire gepflegt wurde.