Was geht es uns noch an? Was kümmert es uns, wenn heute ein Komponist eine „Grablegung Christi“ schreibt, wenn er darin Texte aus der Liturgie der Ostkirche in altbulgarischer Sprache verwendet und die ganze beterische Naivität und Entrücktheit, die weitabgewandte Introversion und gottsucherische Inbrunst der Orthodoxie einfangen und übertragen will? Was interessieren uns aufgeklärte Entmythologisierungs-Christen und Gesellschaftsreformer, uns Weihrauchverächter und Humanisten, uns Agnostiker und Kulturrevolutionäre noch die Relikte einer hinterwäldlerischen Ockultismus-Frömmigkeit, was deren Transposition in eine neue alte musikalische Mystik?

Im Altenberger Dom, einer ehemaligen Zisterzienser-Abteikirche des 13. Jahrhunderts, Köln, Düsseldorf und Wuppertal sind etwa gleich weit entfernt: „Utrenja“, Oratorium für Soli, zwei Chöre und Orchester von Krzysztof Penderecki, Kompositionsauftrag des Westdeutschen Rundfunks, Uraufführung.

Gleich hinter dem Domeingang, zwischen dem gläsernen Windfang und einem kunstvollen schmiedeeisernen Gitter, hat man ein riesiges Podium aufgebaut: großer Chor, ein Orchester mit allem, was heute dazugehört, Klavier, Orgel, Schlagwerk, hölzerne Glocken, 52 Streicher. In der Vierung steht ein weiteres Podium, für den zweiten Chor; zwischen beiden Gruppen die moderne Form der Kommunikation, Kamera und Monitor. Und in der Mitte sitzt das Publikum; alles was „in“ ist.

Auch die für eine Penderecki-Premiere inzwischen typischen Voraussetzungen und Begleitumstände sind gegeben: Die Premiere wurde zweimal verschoben (der Abt von Maria Laach soll von nackten Busen in einer Penderecki-Oper gehört und flugs das neue Stück für seine Kirche verboten haben), der Titel des Werks (ursprünglich „Russische Messe“) mußte geändert werden, denn das Werk wurde nur zum Teil fertig (und dieser Teil auch erst in letzter Minute), eine exzellente Besetzung ist aufgeboten, mit besten und teuersten Spezialisten für exorbitante und extravagante Anforderungen.

In den Männerstimmen des hinteren, ersten Chores ein langgehaltener tiefer Ton, der sich nach einiger Zeit aufzuspalten scheint. Von vorn aus dem zweiten Chor ein ähnlicher Ton, Viertelton-Unterschiede, langsames Auseinandergleiten der Töne, neue Randtöne kommen hinzu, der Tonstrom wird breiter, eine Fläche aus eng nebeneinanderliegenden Tönen bildet sich, nach zwei Minuten steht der Klang. Erste Einsätze von hellen Frauenstimmen, nur isolierte Laute, Vokale, vielleicht auch Silben. Nach viereinhalb Minuten bricht die beinahe statische Klangfläche ab, wechselt plötzlich mit einer Art Flüstereffekt. Schnell wieder die alten und dazu ein paar neue Klänge: Nach sechs Minuten fünfundzwanzig Sekunden ist der erste, ohne Orchester gesungene Abschnitt der „Grablegung“ beendet.

Fünf solcher Abschnitte hat das Stück. Das Programm- und Textheft macht sechs daraus, teilt nur die deutsche Übersetzung der altbulgarischen Vorlage mit, druckt zudem die Abschnitte in einer falschen Reihenfolge; so ist dem Zuhörer jede Orientierung genommen: Zweiundfünfzig Minuten lang versucht er, allenfalls falsche Assoziationen zu finden.

Denn Assoziationsmöglichkeiten bestehen gar nicht. Ob der Chor den Satz „Ehre sei Deiner heiligen Grablegung, Herr!“ vorträgt, in Silben und Klänge aufgeteilt und zwischen den einzelnen Chören und Stimmen antiphonisch hin und her geworfen, ob er aus den eleusischen Mysterien Texte seltsamen und ungewöhnlichen Inhalts zitiert („Du gehst unter, Erlöser, Sonne der Gerechtigkeit: Der Mond, der Dich gebar, in Betrübnis schwindet er dahin, da er Deines Anblicks entbehrt“) – der Komponist hat die Ketten der Klänge nicht assoziativ am Text orientiert, der Text (er stammt aus der Karsamstagsliturgie der Ostkirche, ein Morgengebet, der römischen Matutin verwandt) ist gar nicht der rote Faden, nicht das ordnende Kriterium, sondern ein Begleitumstand: Penderecki vertont nicht den Text, sondern hängt ihn als Mantel um das eigengesetzliche musikalische Geschehen in den Chören, den Soli und dem Orchester.