Mit großer Schärfe haben die Bonner Regierungsparteien auf den CSU-Parteitag vom vergangenen Wochenende reagiert. Der Pressedienst der sozialdemokratischen Partei vertrat die Auffassung, die Bundesregierung sei nun gezwungen, „sich in der Deutschland- und Ostpolitik von der Union zu distanzieren“. Der FDP-Vorsitzende, Bundesaußenminister Scheel, meinte, auf dem CSU-Parteitag seien nationale Töne mit bedenklichem Unterton hörbar geworden.

Auf dem Münchner CSU-Parteitag, der unter dem Motto „Deutschland braucht Bayern“ stand, waren heftige Angriffe gegen die Deutschland- und Ostpolitik der Bundesregierung geführt worden. In seinem Gruridsatzreferat bezeichnete der CSU-Vorsitzende Strauß die Politik der Regierung Brandt als „friedensgefährdend“ und „lebensgefährlich“ und sagte: „Das Nicht-wahrhaben-Wollen einer fundamentalen Realität unserer Zeit, nämlich der kämpferischen leninistischen Konzeption von der geschichtlichen Einbahnstraße in Richtung Kommunismus, halte ich auf die Dauer für geradezu lebensgefährlich, weil es den demokratischen Widerstands- und Wehrwillen gegenüber einem sich klar und offensiv als Feind bezeichnenden Gegner schwächt.“

Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Rainer Barzel warf der Regierung vor, die Schwelle zu überschreiten, „welche vom kalkulierten Risiko ins Abenteuer treibt“. Der CDU-Vorsitzende Kiesinger meinte, nach einem halben Jahr der Regierungstätigkeit von SPD und FDP sei für jedermann erkennbar geworden, „daß die Regierung nicht fähig ist, ihre Versprechungen zu halten“.

Strauß war von den Delegierten mit klarer Mehrheit in seinem Amt als CSU-Vorsitzender bestätigt worden. Er erhielt 477 von 500 gültigen Stimmen.