Die Rücknahme der „prime rate“ (der Zinssatz, den erstklassige Kunden für Kredite zahlen müssen) von 8,5 auf 8 Prozent wurde von der Nixon-Administration als ein Sieg gefeiert. Sie hoffte, daß diese Maßnahme die Abwärtsentwicklung der Wirtschaft umkehren würde. Ihr Wunsch nach einer Besserung der wirtschaftlichen Lage hat politische Hintergründe: Im November stehen Kongreßwahlen an, und die Republikaner wollen diesmal die Mehrheit im Kongreß gewinnen, um ihrem Präsidenten das Regieren zu erleichtern.

Ein Sieg der Präsidenten-Partei gilt aber als zweifelhaft. Nicht nur, daß die Börse von der kurzen Hausse, die der „Prime-rate“-Entscheidung folgte, wieder zu niederen Kursen zurückkehrte – amerikanische Aktien stehen auf dem niedrigsten Niveau seit zwanzig Jahren –, auch Nixons Wirtschaftsberater sind über die Wirtschafts- und Finanzpolitik in Streit geraten.

Anlaß dazu waren die Budgetverhandluigen. Neue Ausgabenwünsche des Präsidenten für das nächste Haushaltsjahr, das am 1. Juli beginnt, haben die Finanzexperten in zwei kontroverse Lager gespalten. Ein Teil der Wirtschaftsberater sieht in der Ausgabenerweiterung und in dem dadurch bedingten Haushaltsdefizit eine Absage an die Anti-Inflationspolitik. Die anderen verteidigen des Präsidenten Wunsch. Herbert Stein, Mitglied des „President’s Council of Economic Advisers“, hält das Defizit für tragbar: „Ein Mehr von 1,5 oder gar 2 Milliarden Dollar im Budget beeinflußt die wirtschaftliche Situation nicht.“

Im Konflikt zwischen Rezession auf der sinen und Inflation auf der anderen Seite hat sich Nixon offensichtlich gegen die Rezession entschieden. Arthur F. Burns, der neue Zentralbankchef, unterstützt seine Entscheidung. Er ließ die Wirtschaftsbosse wissen, daß er für eine Politik des leichten Geldes eintreten werde.

Die Lockerung der Kreditbremsen, die amerikanische Unternehmer zu neuen Investitionen animieren soll, zeigt bis jetzt allerdings noch nicht den gewünschten Effekt. Statt in den Vereinigten Staaten legen viele Industriebosse ihre Dollars lieber im Ausland an. Eine Umfrage des Handelsministers unter den Managern amerikanischer Unternehmen ergab eine neue Rekordziffer für Auslandsinvestitionen: 46,5 Milliarden Mark sind allein in diesem Jahr vorgesehen.

Die Lust, auf dem amerikanischen Markt zu investieren, ist den US-Industriellen vergangen. Trotz ständig steigender Preise sinkt die Gewinnspanne der Unternehmer. Die Gewerkschaften fordern höhere Löhne und setzen diese Forderungen notfalls auch mit unpopulären Streiks durch. Im Jahr 1969 stiegen die Löhne durchschnittlich um 6,5 Prozent. Per Saldo bleibt für den Arbeitnehmer freilich nicht viel übrig. Der Anstieg der Verbraucherpreise betrug in den Monaten Dezember bis Februar sechs Prozent.

Andere Daten unterstreichen das trostlose Bild. Die Unternehmer melden schleppenden Auftragseingang. Aber auch für die Arbeitnehmer wissen die Statistiken wenig Tröstliches zu berichten: Die Arbeitslosenquote steigt rapide. Ende 1969 betrug sie noch 3,5 Prozent, im Februar 4,2 Prozent und im März waren 4,4 Prozent der Arbeiter ohne Job.

So düster die Zahlen aussehen: ab und zu wird auch ein hoffnungsvolles Zeichen registriert. So wird eine Beruhigung an der Preisfront vorausgesagt, nachdem die Großhandelspreise im März nur um 0,1 Prozent gestiegen sind. Optimistisch wird auch von einigen Experten die Entwicklung des Volkseinkommens eingeschätzt. Nach den günstigsten Prognosen müssen die Amerikaner für 1970 mit einer neuen Größenordnung rechnen: mit einem Volkseinkommen von einer Billion Dollar Kai D. Eichstädt