Drei Monate ist es her, seit der nigerianische Bürgerkrieg zu Ende ging.

Der größte Teil der Berichte aus „Biafra“ stammt heute von europäischen oder amerikanischen Helfern und Ärzten, die bei den Hilfsaktionen im ehemaligen Biafra beteiligt sind.

Aus den verschiedenen Einzelinformationen läßt sich jedoch in Umrissen ein Bild über die Lage in der Ostregion gewinnen. Gegenwärtig sind knapp 200 ausländische Ärzte und Helfer im ehemaligen Biafra tätig. Ihnen stehen rund 700 Ibos – darunter auch Ärzte – zur Seite. Diese Zahl scheint zu gering, um die rund 3,3 Millionen Menschen zu versorgen, die sich bei der Kapitulation im Biafra-Kessel befanden.

Die Masse der Bevölkerung im ehemaligen Biafra hat kein Geld, um sich Lebensmittel zu kaufen. Die biafranische Währung wurde durch die militärische Niederlage wertlos, und die Verwaltung in Lagos macht keine Anstalten, auch nur einen Bruchteil dieses Geldes umzutauschen. Bisher wurde es lediglich gegen Quittung eingesammelt.

Nur die Oberschicht der Ibos, die ehemaligen Beamten und Regierungsangestellten, bekamen als „Vorschuß“ ein Monatsgehalt ausgezahlt. Im übrigen bringen allein die nigerianischen Soldaten und die Hilfsorganisationen, wie das Rote Kreuz, Geld unter die Leute. Bis heute hat Lagos noch nichts unternommen, um Handel und Industrie in der Ostregion wieder anzukurbeln. Es hat sich aber bereit erklärt, diejenigen, die vor der Sezession im Behördenapparat gearbeitet haben, sei es als Arzt, Lehrer oder Beamter, wieder einzustellen.

Über die Not der ländlichen Bevölkerung im Ibo-Land herrscht kein Zweifel. Gerade die Menschen, die von jeher nur das Notdürftigste zum Leben haben, haben jetzt die größten Sorgen. Sie sind unbedingt auf fremde Hilfe angewiesen. In der letzten Ausgabe der englischen Wochenzeitung Sunday Times berichtete ein Engländer, der an einer „illegal“ zustande gekommenen Hilfsaktion im ehemaligen Biafra beteiligt war: „Wir hielten mit unserem Laster an einer Dorfschule, wo mehrere hundert Kinder versammelt waren. Die meisten von ihnen sahen körperlich sehr heruntergekommen aus; sie fielen über unsere Lebensmittel her, so daß eine ordentliche Verteilung unmöglich war. In unmittelbarer Nähe lag ein Krankenhaus. Ich sah dort Kinder, deren Überlebenschancen minimal waren, sie hatten aufgeblähte Bäuche und die faltige Haut uralter Menschen. Es waren typische ‚Kwashiorkor-Fälle‘, manche der Kinder brachten nicht einmal mehr einen Ton heraus.

‚Jeden Tag sterben einige von ihnen‘, berichteten sie. Wir fuhren auch durch Owerri, die letzte Hauptstadt Biafras. Auf den Straßen unzählige Menschen ohne Arbeit. Sie liefen, da es an öffentlichen Verkehrsmitteln fehlt, zu Fuß nach Enugu, der Verwaltungszentrale der Ostregion, um sich dort registrieren zu lassen. Aber auch dort finden sie keine Arbeit. Sie wandern dann wieder zurück in ihre Heimatdörfer und versuchen notdürftig ihre Hütten und Häuser zu reparieren und ihr kleines Stück Land zu bestellen.“ Hang von Kuenheim