Kneifen Sie die Augen zu, und gucken Sie ganz genau hin!“ sagte der Lordproprietor von Tresco Island, Multimillionär im ausgefransten Anzug, und wies von der Terrasse seines Inselschlosses im südlichsten Südwesten Englands über den Atlantik hinaus: „... wenn Sie ganz genau hinsehen, können Sie bei gutem Wetter die Wolkenkratzer von New York erkennen!“

Der Wahrheit die Ehre, das Wetter war so gut nicht. Die Skyline von Manhattan war nicht auszumachen. Nur die Hubschrauber, die Fracht von den Felseninseln – langstielige Narzissen – zum nächsten Airport brachten, von wo sie nach New York geflogen werden.

Der Golfstrom läßt von Januar bis April Narzissen auf den Scilly-Inseln wachsen. Wie Unkraut. Und die Bauern der Inseln machen aus dem Unkraut klingende Münze – wie früher aus dem Strandgut.

Die Scillys liegen abgesprengt im Atlantik. Seit Jahrmillionen vom Meer umtost. Die große Schiffsroute, Handelsstraße in die Neue Welt, passiert die Inseln in nächster Nähe. Und Fischer und Bauern früherer Zeiten waren im Nebenberuf Piraten, Strandräuber und Fledderer. Im Schloßpark zu Tresco sind die fragwürdigen Trophäen erfolgreich zum Stranden gebrachter Schiffe, bunt bemalte Galionsfiguren, aufgereiht: Spanier und Deutsche, Engländer, Franzosen, Norweger und Portugiesen. „Save our souls“ vor den Scillys.

Noch Ende des achtzehnten Jahrhunderts betete der Kaplan von St. Mary’s mit seinen Pfarrkindern: „We pray Thee, Oh Lord...“ meistens um einen profitablen Schiffbruch. 1702 ging hier – obwohl einheimische Lotsen an Bord waren – Sir Cloudesly Shovels ganze Mittelmeerflotte mit Mann und Maus auf Grund. Zweitausend Seeleute ertranken, und die Leute von Tresco und St. Mary’s eilten in die Kirche zum Dankgebet. Die Fama sagt ihnen nach, sie hätten in stürmischen Nächten die Leuchtfeuer gelöscht und den Kühen Laternen an die Hörner gebunden, um so die Schiffe sicher auf die Riffe zu leiten.

Wer heute nach Tresco Island und nach St. Mary’s kommt, sieht in jedem Fischer wenn nicht gerade einen Piraten, so doch zumindest den Nachfahren eines Piraten, und die wortkargen Leute von Tresco sind gescheit genug ihr Image nicht zu verderben. Darum schlagen verzückte, weißhaarige Ladys ihre Staffelei auf und malen.

In eingeschossigen, weißgekalkten Inns nimmt man den Fünfuhrtee mit Rosinenkuchen und Cornish cream, niemand hat Eile, es geht sehr englisch und sehr gelassen zu. Und weil es so englisch ist, ist nichts organisiert, aber seltsamerweise funktioniert es doch.