Von Nina Grunenberg

Rektor Egon Judenmann und die Lehrer der "Hauptschule Ostschule" in Düren leiden an einem Pech, das vor 25 Jahren ein Glück war: Ihre Schule wurde im Kriege nicht zerbombt, und so ist bis heute an ihr auch wenig erneuert worden. Von den Schulen, die ich in Düren besuchte, war sie die einzige alte und häßliche: Sie ist düster wie eine Strafanstalt: außerdem ist sie zu klein.

Die Väter der Mädchen und Jungen, die heute dort vom fünften bis zum neunten Schuljahr die Bänke drücken, hatten schon vor dem Kriege ihre Schule nicht gerade als Beispiel moderner Schulbaukunst empfunden, aber immerhin hatte der Lehrer, wie der Vater von drei Ostschul-Töchtern kürzlich in der Schülerzeitung schrieb, "in unserer Klasse noch soviel Platz, daß er seine Geige mitbringen und auspacken und sogar noch mit dem langen Geigenbogen über die Geige und in der Klasse hin- und herfahren konnte, ohne daß einige von uns wegen Raumnot aus der Klasse mußten".

In der Dürener Stadtverwaltung läßt Oberstadtdirektor Dr. Hubert Lentz keine Gelegenheit verstreichen, um nachdrücklich auf die Aufbauleistungen der Stadt hinzuweisen, auch und gerade im Schulwesen. Die Aufzählung der Erfolge erscheint verständlich, aber auch gefährlich: Noch immer ist "1945" das Alibi für Fehlanzeigen von heute – ein Vierteljahrhundert danach.

Weil die Dürener zu den rheinischen Frohnaturen gehören, hat der Raummangel längst seinen festen Platz im Humorrepertoire der Ostschule. In der Karnevalsnummer ihrer Schülerzeitung schlugen die Kinder vor, die der Schule vererbte Sammlung eines einheimischen Afrikaforschers von den Wänden zu nehmen und statt dessen sie selber an den Nägeln aufzuhängen. Und da sie "Apollo"-bewußt sind, schlugen sie auch vor, überzählige Klassen auf den Mond zu schießen.

Den 670 Schülern der Hauptschule Ost fehlen nicht mehr und nicht weniger als zwanzig Räume – falls sich Rektor Egon Judenmann im Ernst an den Richtlinien und Erlassen des Kultusministeriums orientieren würde.

Zum Raummangel kommt der Lehrermangel. Er ist zwar nicht so gravierend wie im Gymnasium (das Kultusministerium verspricht auch ständig baldige Besserung der angespannten Lage); aber dennoch: In der Hauptschule Ost fielen vom 1. September 1969 bis Weihnachten, also in knapp vier Monaten, eintausendzweihundert Unterrichtsstunden aus, weil Lehrer fehlten. Zum Teil fehlten die Lehrer, weil die Schule sie gar nicht hat, zum Teil fielen sie wegen Krankheit aus.