Die Halden an der Ruhr sind abgebaut, aber die Sorgen bleiben. Darf der Kumpel bei dieser Lage einen höheren Lohn fordern?

Es ist immer mißlich, einen Nachruf auf einen Kranken zu verfassen, besonders dann, wenn er deutliche Symptome der Besserung zu zeigen scheint.

Der deutschen Kohle geht es zur Zeit besser als je in den vergangenen zehn Jahren. Durch den Zusammenschluß von 94 Prozent der Ruhrförderung in einer Einheitsgesellschaft wurde nach jahrelangem Hin und Her endlich die Voraussetzung für eine durchgreifende Rationalisierung des Steinkohlenbergbaus im Revier geschaffen.

Die riesigen Halden unverkäuflicher Kohle, die den Zechenherren jahrelang den Horizont versperrt hatten, sind bis auf unbedeutende Reste abgebaut worden. Lagen vor Jahresfrist noch fast acht Millionen Tonnen Steinkohle auf Halde, so sind es gegenwärtig nicht einmal mehr zwei Millionen Tonnen.

Der lange Winter und der Boom der Stahlindustrie haben zur Zeit sogar zu einem ausgesprochenen Kohle- und Koksmangel geführt. Von einer solchen Situation hätte an der Ruhr vor zwei oder drei Jahren niemand auch nur zu träumen gewagt.

Und dennoch besteht auch heute kein Grund zum Träumen oder Feiern. Der Steinkohlenbergbau befindet sich gegenwärtig eher in der Situation eines chronisch Leidenden, dessen gutes Aussehen nach einer Kur Freunde und Verwandte vorübergehend über den wahren Zustand täuscht, als in der Lage eines Genesenden, der nach einer schweren Operation Aussicht hat, bald wieder ohne Krücken ein normales Leben zu führen.

Ohne die Hilfe des Staates wäre der Bergbau nicht existenzfähig, und es besteht keine Hoffnung, die Subventionen in absehbarer Zeit oder überhaupt je wieder zu senken. Im laufenden Jahr sollen der Kohle 422 Millionen Mark in Form direkter Finanzhilfen und weitere 480 Millionen Mark als Steuervergünstigungen zufließen – zusammen also 902 Millionen Mark.