Von Imre Gabor

Der Wind fegt in Pest wie in Buda noch kalt an den Ufern entlang, und die Donau scheint noch eine Gänsehaut zu bekommen; doch mit dem sanften Sonnenschein in den Herzen erwacht die ungarische Metropole aus der langen Winterlethargie zu neuer, pulsierender Aktivität. Schnell sind Heizungssorgen, Schneebarrikaden, Verkehrsprobleme und Versorgungsschwierigkeiten vergessen, schnell die Grippewellen und deren Auswirkungen.

Auch die Theater der Hauptstadt sind in Frühlingsstimmung: die Umbesetzungsprobleme haben ein Ende gefunden; vor den Abendkassen bilden sich wieder Schlangen. Um Zuschauerzahlen brauchen sich die neunzehn Budapester Bühnen normalerweise noch keine Sorgen zu machen, obwohl sich das Fernsehen auch in Ungarn mit eiligen Schritten auf dem Vormarsch befindet. Nun sind die Vorstellungen dank reger Arbeit der Besucherorganisationen zwar stark frequentiert, doch wäre es unmöglich, die Produktionen allein durch die Einnahmen zu finanzieren, denn die Eintrittspreise sind sehr niedrig. Trotzdem muß hier deswegen keinem Theaterleiter der Kopf rauchen. Die Höhe der staatlichen Subventionen ermöglicht ausstattungsmäßig vorzügliche Arbeit, die Zahl der Inszenierungen bleibt – trotz Defizits – gering, die Probenzeiten sind dadurch großzügig bemessen, die Schauspieler werden erstklassig bezahlt. Natürlich wird auch auf die Spielplangestaltung zentraler Einfluß ausgeübt.

Das Opern-, Operetten-, Musical- und Ballettrepertoire entspricht dem üblichen und hat durchschnittliches Niveau. Auf den Schauspielbühnen der Zweimillionenstadt sind schon eher Höhepunkte zu verzeichnen.

Neben den arg strapazierten klassischen Klassikern wie Shakespeare, Schiller, Goldoni, Madach und Katona sind zur Zeit auch Werke von Pirandello, Ibsen, Tschechow, Gorki und Scribe zu finden (vom letzteren eine durch Versform abgeschwächte und mit musikalischen Einlagen verwässerte Fassung des Stücks „Ein Glas Wasser“ unter dem Titel „Schachmatt“), aber auch Kesselrings „Arsen und Spitzenhäubchen“ oder Shaffers „Black Comedy“ stehen auf dem Programm. Trotz großen Angebots an Unterhaltungsstücken bleibt übrigens für die Budapester der eindrucksvollste Repräsentant dieses Genres ihr Landsmann Ferenc Molnár, dessen „Spiel im Schloß“ in einer brillanten Aufführung zu sehen ist.

Der in Ungarn sehr beliebte G. B. Shaw ist mit „Helden“ vertreten. Eine „Entlarvung des Militarismus“ oder „eine Ohrfeige ins Gesicht des romantisch-bürgerlichen Helden“ mag die Komödie einst gewesen sein, heute hat sie diese Wirkung bestimmt nicht mehr. Der sonst grimmig beißende Spott Shaws ist kaum zu spüren, er wirkt hier stets lieb, charmant und angenehm unterhaltsam. In dieser Richtung bemüht sich auch die Regie, die in erster Linie auf die burleske Komponente des Stückes achtet.

Die Skala der „Modernen“ ist auf dem Spielplan nicht besonders farbig. „Elisabeth von England“ (Bruckner) neben „Hadrian VII.“ (Luke), „Der Preis“ (Miller) neben „Wie Herrn Mockinpott das Leiden ausgetrieben wurde“ (P. Weiss), „Biografie“ (Frisch) neben „Süßer Vogel Jugend“ und „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ (Williams).