In Kambodscha stehen die Zeichen auf Sturm. Die neuen Machthaber um General Lon Nol haben ihre Position nach der Vertreibung Prinz Sihanouks noch nicht gefestigt. Verschiedene Anzeichen sprechen gegen eine rasche Konsolidierung des Regimes in Phnom Penh: Die Ausrufung der Republik Kambodscha wurde verschoben, und in den Grenzprovinzen spitzt sich die militärische Lage immer weiter zu.

Vor allem in der Provinz Svay Rieng, deren Ostregion wie ein Finger nach Südvietnam hineinragt, sind schwere Kämpfe zwischen kambodschanischen Einheiten und Vietcongtruppen entbrannt. Sihanouk hatte die Grenzprovinz einst stillschweigend dem Vietcong als strategisches Aufmarschgebiet überlassen. Seine Nachfolger fordern sie jetzt zurück, ohne freilich ihren Anspruch militärisch wirksam durchsetzen zu können. In wenigen Tagen wurden die schlecht ausgebildeten kambodschanischen Verbände von allen Vorposten im Grenzgebiet vertrieben: Der Vietcong raubte dem Regime in Phnom Penh sehr schnell das trügerische Gefühl der Sicherheit im eigenen Land.

Entlang der alten Militärstraße zwischen Saigon und Phnom Penh, einem der Hauptnachschubwege nordvietnamesischer Verbände, verstärken sich Nervosität und Unsicherheit. Unfähig, den Dschungelgegner wirksam bekämpfen zu können, verbreitete die Regierung zuerst Tatarenmeldungen über immer neue Masseninvasionen kommunistischer Verbände auf kambodschanisches Gebiet. Jetzt lenkt sie das Mißtrauen der Bevölkerung immer mehr auf die in Kambodscha ansässigen Vietnamesen und verdächtigt sie der Zusammenarbeit mit dem Vietcong. Weil sie angeblich ein „Sicherheitsrisiko“ darstellen, wurde ein Großteil der vietnamesischen Zivilbevölkerung in Internierungslager verbracht.

Das Schicksal der 400 000 Vietnamesen, die in Kambodscha leben, ist ungewiß. Seit dem Massaker in der Stadt Prasaut, bei dem rund hundert vietnamesische Männer, Frauen, Kinder und Greise niedergemetzelt wurden, wächst die Furcht der Vietnamesen vor einer von der Regierung geschürten „Pogromstimmung“.

Die Opfer in Prasaut gehörten einer landwirtschaftlichen Genossenschaft an, auf deren Gelände die Provinzregierung ein Internierungslager eingerichtet hatte. Die offizielle Darstellung spricht von einem „unglücklichen Ereignis“, bei dem die internierten Vietnamesen in das Kreuzfeuer kämpfender Truppen geraten seien. Augenzeugen jedoch berichten, kambodschanische Milizsoldaten hätten das Blutbad angerichtet.

Seitdem Provinzgouverneur Hem Keth San die Aufdeckung eines „Widerstandsnestes“ der Vietcong in jenem Lager bekanntgab, wächst allenthalben die antivietnamesische Stimmung in Kambodscha. General Lon Nol, der in die Rolle Prinz Sihanouks noch nicht hineinzuwachsen vermochte, mag damit zufrieden sein: die angeheizte Kampagne trägt Züge des Rassenhasses und lenkt von seinen eigenen innenpolitischen Schwierigkeiten ab. Freilich, seinem Regime wird dies auf die Dauer kaum nutzen: Der Kampf von Machthabern gegen das eigene Volk war schon immer Selbstmord auf Raten.

Sepp Binder