Lenin – ein Revolutionär ohne Sentimentalitäten

Von Karl-Heinz Janßen

Lenin war ein Mann der Tat. Wer ihn beschreiben will, muß ihn in der Aktion zeigen: Lenin, als Parteispalter in den verwanzten, verräucherten Zimmern des Brüsseler Exilparteitags der russischen Sozialdemokraten, wo er sich hundertzwanzigmal zu Wort meldet und seinen knappen Sieg dank seiner robusten Kondition geradezu "ersitzt" – Lenin, als Emigrant in Zürich, der die Hoffnung, das Gelobte Land der Weltrevolution zu sehen, schon aufgegeben hat und dennoch unermüdlich in der Bibliothek hockt, um für seine Leitartikel und Briefe neuen Stoff aus Büchern zu exzerpieren – Lenin, der sich im "plombierten" Waggon durch das feindliche Deutschland fahren läßt, um zugunsten der deutschen Kriegführung die Revolution voranzutreiben – Lenin, der auf einem Panzerwagen in das revolutionäre Petrograd fährt und statt eines Loyalitätsbekenntnisses für die neuen Machthaber sogleich die Weltrevolution proklamiert – Lenin, als Lokomotivheizer verkleidet, auf der Flucht nach Finnland – Lenin, der auf dem allrussischen Sowjetkongreß als Führer einer Minderheit unter brausendem Gelächter verkündet, die Bolschewiki wollten die Regierung übernehmen – Lenin schließlich, halbgelähmt auf dem Krankenlager, der täglich unter größter Anstrengung seine Anordnungen diktiert, voller Argwohn gegen die Umtriebe seines Generalsekretärs Stalin und voll banger Sorge um die Zukunft der Partei.

In jeder dieser Episoden erleben wir Lenin als einen Meister der revolutionären Taktik. Auf der Höhe seiner staatsmännischen Kunst jedoch zeigt er sich in den Sommermonaten des Jahres 1918, als das Schicksal der bolschewistischen Revolution an einem dünnen Faden hing, der jederzeit von deutschen Okkupanten, alliierten Interventen, rebellischen Bauern und zaristischen Konterrevolutionären zerschnitten werden konnte. Im August 1918 war der Herrschaftsbereich der bolschewistischen Regierung mehr oder weniger auf die Gebiete um Petersburg, Moskau und Zarizyn (dem späteren Stalingrad) zusammengeschrumpft. Deutsche Truppen hatten nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk das Baltikum, Weißrußland und die Ukraine besetzt. Truppen der Entente marschierten an der Eismeerküste auf, die Türken bedrohten den Kaukasus, an Kuban und Don kommandierten Kosakengenerale, und östlich des Urals hatte die tschechoslowakische Legion die Herrschaft an sich gerissen.

Klarer Kopf im Chaos

In Lenins Machtbereich ging es drunter und drüber. Die örtlichen Sowjets kümmerten sich nicht um die Thesen der Moskauer Zentrale. Auf den Dörfern tobte ein erbitterter Bürgerkrieg zwischen Rotgardisten und armen Bauern einerseits und den reichen Kulaken andererseits. Hunger und Arbeitslosigkeit lähmten jegliche Initiative. Über Moskau wurde das Kriegsrecht verhängt. Unter den unzufriedenen Arbeitern hetzten die Menschewiki und Sozialrevolutionäre gegen die Bolschewiki. Es war nicht übertrieben, wenn Kaiser Wilhelm II. damals über Lenin dachte: "Er steht am Abgrund!" Und Trotzkij, der für Lenin mit Hilfe zaristischer Offiziere eine. Rote Armee aus dem Boden stampfen sollte, resignierte: "Wir sind eigentlich schon tot; es fehlt nur noch jemand, der uns begräbt."

Aber inmitten dieses Chaos behielt Lenin einen klaren Kopf. Seine Stärke war die Uneinigkeit seiner vielen Feinde. Er verlor auch nicht die Nerven, als unzufriedene Sozialrevolutionäre, die fatalerweise mit der Tscheka, Lenins Geheimpolizei, zusammenarbeiteten, den deutschen Gesandten Graf Mirbach ermordeten. Lenin eilte sofort mit hohen Funktionären zur deutschen Gesandtschaft, um zu kondolieren. Ein deutscher Offizier beschwerte sich hinterher bei einem sowjetischen Beamten, Lenins Beileid sei "kalt wie eine Hundeschnauze" gewesen. Darauf der Russe: "Das darf Sie doch nicht wundern. Für Lenin ist der Ermordete auch nur ein Bourgeois."