Straußens Diagnose: nationaler Notstand, Bonn ohne starken Mann

Von Rolf Zundel

In den „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ spricht Jacob Burckhardt von den großen Männern, die nicht die ihnen entsprechende Zeit finden, nicht die Situation, die ihre besondere Begabung fordert. Es sind – hier mag das Wort erlaubt sein – tragische Gestalten. Eine solche Gestalt ist Franz Josef Strauß. Kein anderer Politiker fasziniert und irritiert in gleichem Maße wie er die Zeitgenossen, keiner fügt sich schwerer in die üblichen politischen Regeln ein, und keiner läßt seine Umgebung kleiner erscheinen.

Für die CSU, die ihn wieder mit überwältigender Mehrheit zum Vorsitzenden gewählt hat, ist er gewiß zwei Nummern zu groß. Es machte ihm wenig aus, die Delegierten des Parteitags mit einem Monstrum von einer Rede zu traktieren; sie dauerte fast zwei Stunden, obwohl er die zweite Hälfte des schriftlichen Manuskriptes wegließ. Als er einen seiner Stellvertreter zur Wahl vorschlagen sollte, nominierte er gleich alle drei und machte daraus eine personalpolitische Grundsatzrede. Und das Schlußwort – gesprochen vor einem schon halbleeren Saal, viele Delegierte waren schon im Mantel – geriet ihm zu einer Mischung aus polemischem Nahkampf und differenziertem staatsrechtlichem Kolleg, angeknüpft an einen ausführlich verlesenen Zeitungsartikel.

So wie Strauß die Parteitags-Regularien sprengt, strapaziert er auch die Maßstäbe der Politik. In Dynamik, Intelligenz, rhetorischer Kraft und in der kräftigen Farbe seiner Persönlichkeit erinnert er an Winston Churchill. Der englische Kriegspremier war ein Mann der Ausnahmesituation: lange Zeit als politischer Abenteurer fast geächtet, als Gegner der Appeasement-Politik wieder groß geworden, in der Stunde der drohenden Katastrophe Symbol des nationalen Widerstandswillens, und nach dem Krieg – ein Beweis für die politische Klugheit der Engländer – als Premier abgewählt.

Churchill hatte die Zeit gefunden, die seiner Begabung entsprach. Franz Josef Strauß, der „deutsche Churchill“, ist, so scheint es, bisher vergebens auf der Suche nach einem Dünkirchen, nach einer Situation, die den großen, starken Mann fordert. Und da in der deutschen Politik kein Dünkirchen in Sicht ist, sucht er es wenigstens mit Worten zu schaffen: Er entwirft ein düsteres Gemälde drohender innen- und außenpolitischer Katastrophen.

Sicherlich hat es die Opposition oft schwer, sich Gehör zu verschaffen. Ohne polemische Zuspitzung, ohne ein gewisses Maß an Dramatisierung kann sie sich nur schwer verständlich machen. Strauß freilich sprengt dieses Maß. Was in Bonn passierte, ist nach seiner Meinung „nicht ein einfacher Regierungswechsel nach den Grundregeln der parlamentarischen Demokratie. Es ist darauf angelegt, eine grundsätzliche und langfristige Umorientierung der deutschen Politik im Inneren und nach außen einzuleiten“.