Im Mai wird ihre letzte LP erscheinen. Ihr Titel ist derselbe wie der ihrer jüngsten Single, „Let it be“, ein Schlager mit einem „lebensweise“ resignierenden Text, der so etwas wie ein Licht in der Nacht verspricht und in Deutschland seit Wochen an der Spitze der internationalen Hit-Parade steht. Diese beiden Platten, die bis zum Mai noch einmal Beatles-Aktivität vortäuschen werden, sind vor rund vier Monaten aufgenommen worden; seit dieser Zeit haben sich die vier Beatles nicht mehr gesehen, und schon an John Lennons eigenen Projekten mit seiner „Plastic Ono“-Band konnte man ablesen, daß die vier so lange Unzertrennlichen in letzter Zeit mehr durch Zerreißproben als durch Gemeinsamkeiten verbunden waren. Es könnte sein, daß ein Vertrag die Beatles noch ein paar Jahre lang zwingt, ein paar Platten zu produzieren; dennoch haben sie als Gruppe offenbar zu existieren aufgehört.

Denn jetzt hat Paul McCartney ausdrücklich erklärt, er wolle sich von den übrigen drei Beatles trennen. In Zukunft will er, der musikalische Motor der Beatles, eigene Platten herausbringen. Als Grund gab er „persönliche, geschäftliche und musikalische Differenzen“ an, „aber vor allem die Tatsache, daß ich mich dann besser um meine Familie kümmern kann“.

Findet da also ein Abwandern aus der Beat-Kameraderie in die bürgerliche Eigenbrötelei statt? Sicher ist, daß sich die Beatles zu einem Zeitpunkt auflösen, da sie zwar noch „spielend“ Spitzenpositionen in Hit-Paraden erreichen können, andererseits aber auch ihre vorantreibende Rolle in der Entwicklung des Beat eingebüßt haben. Ihr Album „Beatles“, jetzt rund ein Jahr alt, hatte noch einmal jenes Orakeln in Gang gesetzt, das Uwe Nettelbeck als das „Besser-oderschlechter-als-Sgt.-Pepper-Gequatsche“ qualifizierte; im Grunde aber hatte dieses Doppelalbum deutlich gemacht, daß die Beatles zu der Rock-Renaissance, zu dem Wiedereindringen der Country-Musik in den Beat, zu der Wiederbelebung des musikalischen „Bonny and Clyde“-Looks eigentlich nur ein höchst parodistisches, also indirektes Verhältnis hatten. Allerdings erwies sich die Parodie hier noch als stupende adaptierende Zitierkunst – der momentane traurige Rest davon ist die Rückseite von „Let it be“, jenes „You know my name in dem die zitierende Blödelei nur noch traurige Pat-und-Patachon-Effekte zustande bringt.

Und die (bisher) letzte LP, „Abbey Road“, zeigt, trotz unheimlich schöner, (allzu) eingängiger Stücke, daß den Beatles der lange Atem verlorengegangen ist, den die Beat-Musik inzwischen gewonnen hat – etwa in „Let it bleed“ der Rolling Stones, die einfach durchkomponierter, ursprünglicher, raffinierter wirkt als das, was die Beatles bieten, die immer mal wieder auch nach Obladi Oblada schielen.

Wenn der Londoner „Observer“ den Beatles bescheinigte, daß sie die besten Lieder seit Schubert geschrieben hätten, so mag das für auf die Trennung von „hoher“ und „niederer“ Kultur noch eingestimmte Gemüter schockierend sein. Dennoch umschreibt es ziemlich genau den Einfluß, den die Beatles auf unsere Hörgewohnheiten genommen haben. Was die Beatles bewirkt haben, läßt sich ohne Übertreibung als musikalische Revolution kennzeichnen: sie haben den Rock ’n’ Roll, ohne dessen Ursprünglichkeit zu zerstören, von seiner Aufheizungsstereotypie befreit, sie waren die ersten, die in die nur noch im Studio herstellbare Musik einer raffinierten Stereophonie abwanderten, der Entwicklung, mit der unzählige Beat-Bands der Welt ein neues Lebensgefühl der sich befreienden Jugendlichkeit einhämmerten, immer um mehrere Schritte voraus.

Es hieße, diese Entwicklung idealistisch verkennen, wollte man übersehen, daß schon der Rock ’n’ Roll undenkbar gewesen wäre ohne die Einsicht einer Teenager- und Twen-Industrie, daß es viel flüssiges Geld in den Händen junger Leute gibt. Der Beat und die Weiterentwicklung von Stereoanlagen gehören sicher untrennbar zusammen. Auch die Beatles waren und sind eine Industriefirma. Insofern sind Befreiung und Zähmung im Konsum zwei Seiten ein und derselben Sache, unaufhebbar auch in den Beatles verbunden, die dem etwa mit Nonsens-Ironie zu entkommen trachteten. Aber was sie auch taten: ob sie sich schein-indisch versenkten, ob sie in eine „Alice in Wonderland“-Welt wegtauchten, stets wurden sie von einer Begeisterung eingeholt, die ihnen die Kleider in Fetzen vom Leib reißen wollte. Die Beatles – das waren zehn Jahre Identifikation von Fans, denen sie den Ausweis von Jugendlichkeit lieferten.

Es ist klar, daß damit die Gruppe, die unter John Lennons straffer Hand und Epsteins Management in den Erfolg marschiert war, auch Belastungen ausgesetzt war, weil der Erfolg immer einem Kollektiv, einem Kleeblatt zufiel. Wahrscheinlich hat gerade das zu ihrer Auflösung geführt. Hellmuth Karasek