In jedem Frühjahr wieder präsentiert die Bauwirtschaft die Rechnung für den vergangenen Winter. Und in jedem Jahr beteuert sie: Ein Großteil der Kosten hätte eingespart werden können.

In diesem Winter traf es die Männer vom Bau besonders hart: Das Baugewerbe beziffert seinen Schaden auf -2,2 Milliarden Mark. Die Bauarbeiter rechnen mit einer Einkommensminderung von etwa einer halben Milliarde Mark – obwohl die Bundesanstalt für Arbeit, die für die Arbeitslosenversicherung zuständig ist, den Bauwerkern etwa 1,5 Milliarden Mark an Verdienstausfallentschädigung bezahlen wird.

Auch für diesen ungewöhnlich harten und langen Winter gilt jedoch nach Meinung der Fachleute, was das Frankfurter Batelle-Institut (für den Winter 1965/66) errechnete: daß zwei Drittel der Arbeitsausfälle vermeidbar gewesen wären und der westdeutschen Volkswirtschaft ein Drittel der entstandenen Verluste erspart geblieben wäre, wenn man alle Möglichkeiten der Bautätigkeit im Winter genutzt hätte.

Noch immer ist in der Bundesrepublik der Durchbruch zum Winterbau nicht gelungen. Noch immer versinken die deutschen Baustellen bei Anbruch der kalten Jahreszeit in den Winterschlaf. Dabei mühen sich Gewerkschaften, Unternehmerverbände und staatliche Arbeitsbehörden schon seit Jahrzehnten, den winterlichen Produktionsausfall einzudämmen – ausreichende Hilfsmittel dazu – Planen, Abdeckungen, Heißluftgebläse – hat die Industrie längst entwickelt.

Mit der Einführung der Schlechtwettergeldregelung im Jahre 1959 glaubte man, den entscheidenden Schritt vorwärts getan zu haben. Bis dahin entließen die Baufirmen ihre Arbeiter zu Beginn der kalten Jahreszeit und stellten sie erst im Frühjahr wieder ein. Die Zahl der beschäftigungslosen Bauwerker wuchs in manchen Jahren auf über eine halbe Million (Ende Januar 1958 bespielsweise auf 667 000).

Seit elf Jahren jedoch gilt für Bauarbeiter eine Sonderregelung. Das Beschäftigungverhältnis mit den Unternehmen bleibt den ganzen Winter über bestehen, statt des Arbeitslosengeldes wird den Maurern jetzt das sogenannte Schlechtwettergeld bezahlt, wenn sie wegen witterungsbedingter Umstände nicht arbeiten können. So kassieren die Handwerker weiterhin die Verdienstausfallentschädigung, stehen aber dem Unternehmer für kurzfristigen Einsatz zu Verfügung.

Wenn die etwa 1,5 Millionen Bauarbeiter nach wie vor nur etwa zehn Prozent zum Beitragsaufkommen der Arbeitslosenversicherung (von rund 2,5 Milliarden Mark) beisteuern, aber – so wie in diesem Winter – drei Fünftel aus dem Topf der Nürnberger Anstalt herausholen, so ist das keine Folge der Schlechtwettergeldregelung. Das Arbeitslosengeld würde zu einer ähnlich hohen Summe auflaufen. Zwar erhalten die Bau-Arbeitslosen für jede ausgefallene Arbeitsstunde einen Zuschlag von 28 Pfennig zum normalen Arbeitslosengeld. Dieser Zuschlag soll aber nur die erhöhten Aufwendungen ausgleichen: Arbeitswillige müssen häufig umkehren, nachdem sie morgens – auf Verdacht – ihre Baustelle angesteuert haben.