Von Ursula Engelen-Kefer

Ort der Handlung: eine ärmliche Behausung im Staate Mississippi. Hier lebt Nelly mit ihren drei Kindern, ohne Mann, seit vierzehn Jahren von knapp 500 Dollar im Jahr. Das ist der durchschnittliche Wohlfahrtssatz für eine vierköpfige Familie ohne Brotverdiener (Aid to Families with Dependent Children – AFDC) im Staate Mississippi – nicht einmal ein Siebtel dessen, was nach offizieller Regelung in den USA als Armutsgrenze gilt: 3553 Dollar im Jahr für eine Familie von vier oder 2,43 Dollar am Tag pro Person.

Nelly ist kein Sonderfall. Es gibt viele Nellys im reichen Amerika, dessen Bruttosozialprodukt im Jahr über 900 Milliarden Dollar erreicht. Sie alle sind in dem circulus vitiosus von Armut, Arbeitslosigkeit und amerikanischer Wohlfahrtsmaschinerie gefangen.

Seit 1945 hat sich die Zahl der Sozialhilfe-Amerikaner von drei auf über neun Millionen mehr als verdreifacht. Auch die Struktur der Wohlfahrtsbevölkerung hat sich grundlegend geändert. Paradoxerweise verlagerte sich der Schwerpunkt der Sozialhilfe in dem Vierteljahrhundert wachsenden Wohlstands von den Alten und Blinden auf Familien mit abhängigen Kindern.

Zahlen: Im Finanzjahr 1969 gab Washington für die AFDC-Programme 3,3 Milliarden Dollar aus und weiter 2,5 Milliarden für sonstige Fürsorgeprogramme. Dabei macht die Sozialhilfe der Bundesregierung nur etwa 54 Prozent der gesamten Fürsorgeleistungen aus; 46 Prozent steuern die Einzelstaaten bei.

Nicht allen Wohlfahrtsempfängern geht es so schlecht wie Nelly. Je nach Einzelstaat weisen die Wohlfahrtsschecks eine recht unterschiedliche Höhe auf. In New York beispielsweise erhält eine vierköpfige Familie pro Jahr im Durchschnitt sechsmal soviel wie Nelly, also rund 3000 Dollar. Die Folge ist ein wahrer Massenexodus der meist schwarzen Wohlfahrtstruppen aus dem Fürsorgesumpf des Südens in das "Wohlfahrtsparadies" der Großstadtslums im Norden.

Beispielsweise New York: Die Stadt bietet nicht weniger als elf Prozent der Sozialhilfe-Amerikaner Asyl; sie gibt im laufenden Fiskaljahr 1,5 Milliarden Dollar – über 25 Prozent ihres Budgets – für Wohlfahrt aus. Daß diese Fürsorgeschecks nicht immer ihren Bestimmungsort erreichen, sondern hin und wieder in den Taschen militanter Negerführer und auf Nummernkonten in der Schweiz landen, gehört zu den Pannen der amerikanischen Wohlfahrtsmaschinerie.