Was bis vor kurzem niemand für möglich gehalten hat, ist im VS passiert

Als sich im Juni letzten Jahres im Kölner Gürzenich der neue Verband deutscher Schriftsteller (VS) gründete und die bis dahin bestehende Bundesvereinigung ablöste, „die dreizehn Autorenverbände so lose wie kraftlos zusammenhielt“, als Heinrich Böll den Schriftstellern ein Ende ihrer Bescheidenheit vorschlug und der neue Vorsitzende von der „von vornherein beabsichtigten gewerkschaftlichen Konzeption“ sprach – kurz, als die Schriftsteller plötzlich mit ungewohnter Energie einen berufsständischen und über das Berufsständische hinausgehenden Willen zu artikulieren begannen, war Skepsis weitverbreitet. Würde eine so heterogene Gruppe von Heimarbeitern sich in ausreichendem Maße solidarisieren können? Würden sie in größerer Zahl eine solche Solidarisierung überhaupt für sinnvoll halten? Und wenn: würden sie anderes produzieren können als Deklamationen?

Die Neugründung ist gerade erst zehn Monate alt. Doch läßt sich bereits sagen: Der VS macht sich, und er macht sich bemerkbar.

Nicht zuletzt liegt es daran, daß er sich in Dieter Lattmann einen unbezahlbaren Vorsitzenden gewählt hat. Mit einem scharfen Sinn für das Mögliche und großer Geduld mit dem gewünschten Unmöglichen, mit einer Mischung von Festigkeit und Konzilianz, mit der Fähigkeit, Widersprüche nicht ängstlich zu Vernebeln, sondern deutlich und unfeierlich zu formulieren, hat er erreicht, daß sich der VS nicht in das Aushecken von Wunschträumen verrannte.

Kontaktgespräche mit dem DGB haben tatsächlich stattgefunden und werden fortgesetzt. Ob sich die Schriftsteller überhaupt einer Gewerkschaft anschließen, ob sie eine lockere Zusammenarbeit mit einer Gewerkschaft suchen oder ob sie sich mit einem selbständigen Berufsverband à la Ärztekammer zufriedengeben wollen, ist zur Zeit zwar noch eine offene Frage. Aber sie ist jetzt so klar gestellt, daß eine Entscheidung absehbar wird.

Beim Bundesinnenministerium hat der VS Geld für eine große Sozialenquete locker gemacht, mit der möglichst noch bis Ende 1971 durch fünftausend eingehende Befragungen zum ersten Male konkrete Daten über die soziale Situation der Schriftsteller in der Bundesrepublik beschafft werden sollen – die Voraussetzung für weitere. Initiativen, die Lage der Autoren aufzubessern.

Alle Parteien scheinen für einen Initiativantrag gewonnen, der das Urheberrecht reformieren soll. Damit rückt die Abschaffung des lange bekämpften Schulbuchparagraphen in Sicht, der den honorarfreien Abdruck sonst geschützter Texte in Schul- und Kirchenbüchern erlaubt und praktisch eine Enteignung der Schwachen darstellt. Ebenfalls in Sicht rückt damit das Ausleihhonorar bei öffentlichen Bibliotheken nach skandinavischem Vorbild: es würde teilweise den Autoren direkt zukommen, einen Sozialfonds möglich machen, aus dem Altersversorgung und Arbeitsstipendien finanziert werden können; es würde nicht zuletzt den VS finanziell unabhängig machen.