Von Horst Krüger

Zunächst ist man etwas erstaunt, verblüfft, auch verärgert. Da öffnet unser längstatmiger, unser eloquentester und sprachbesessenster Erzähler nach vierjährigem Schweigen endlich wieder seine Prosaschublade: ein Schriftsteller, der früher einmal die Kritik das Fürchten gelehrt hatte, seiner endlosen, kiloschweren Redeprosa wegen, ein Autor, der sogar Sieburg zum Stöhnen, an den Rand der Ermattung gebracht hatte – und was ist? Dreiundachtzig bescheidene Seiten, eine Art von Broschüre mit viel Luft dazwischen –

Martin Walser: „Fiction“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 83 S., 10,– DM.

Das Papier ist dick, festlich aufgetrieben. Die Drucktypen sind in einer Größe gewählt, die es offenbar auch greisen Gemeindemitgliedern noch ermöglichen soll, den Text zu ernsten. Von solchen riesigen Lettern geht eine Autorität aus, die mir mißfällt. Jeder Buchstabe sagt eigentlich: So ist es, basta, Gottes Wort. Man blättert, zählt, rechnet nach und sagt sich: Das sind doch höchstens vierzig Manuskriptseiten gewesen im Original. Wie, das soll ein Buch sein, ein neues Werk von Martin Walser?

Dann liest man das Ganze, liest es mehrfach, läßt sich auf diese fünf knappen, merkwürdig schrumpfenden Kapitel ein, liest sie wieder und wieder, vergleicht mit seinen früheren Romanen und merkt, daß man hier einem wichtigen Augenblick beiwohnt – für Martin Walser, leider nicht für den Leser. Hier ist ein Autor, der in fünfzehn Jahren trotz all seiner Schwierigkeiten mit der Romantechnik seinen Stil, seine Sprache gefunden hatte, an sich selber irre geworden. Er zweifelt, er stockt; er will gar kein „Buch“ vorlegen, sondern eine Textprobe, die fragt: Geht es so, so vielleicht? Wir wohnen einem Experiment bei. Das Wort ist abscheulich verbraucht, aber trifft genau, was hier geschieht. Einer versucht es noch einmal, andersherum. Er serviert auf einem Tablett eine neue Art des Erzählens – oder ist es nicht doch die alte?

Der Autor, der sich in den letzten Jahren mehr mit der Edition von Straffälligen-Memoiren befaßt hatte, turnt noch einmal am hohen Reck der Kunst. Ein Mittvierziger, der stramme und kantige Bewegungen am Reck der Phantasie vollführt und in der Art von Turnlehrern sagt: Herrschaften, wenn schon Kunst heute, dann ungefähr so. Läßt sich Literatur, die doch tot ist nach einem allgemeinen Konsensus, vielleicht so wieder beleben? „Wenn das nicht Fiction ist“, heißt es einmal ironisch triumphierend im Text bei einer Datumsangabe: 19. August. Man spürt, hier wird hoch gespielt. Das Büchlein aber mutet eher wunderlich an. Es schmeckt trotz allen Sprachschwungs ein wenig nach Verzweiflung. Es ist wie ein Jungbrunnen, der nicht verjüngt.

„Fiction“ ist das Monolog-Protokoll einer München-Reise in fünf immer kürzer werdenden Kapiteln. Doch ist das beinah schon zuviel gesagt, denn Zuverlässiges ist über den Inhalt kaum auszumachen. Man spürt noch das alte, bei Walser oft durchgespielte Thema: Einer, offenbar ein „Heimleiter“, mit Schmerzen im linken Wadenmuskel (welch feine Bezüglichkeit), kommt aus der Provinz nach München, er kommt in die große Welt und läßt sich dort ein mit Frauen, mit Autos, mit Modeläden, mit Flugzeugen, auch mit der Bundesbahn, also mit Gesellschaft, die den Dichter vom Bodensee schon immer faszinierte. Doch ist das hier nicht mehr wichtig. Gesellschaftskritik ist nicht mehr gemeint. Es geht um eine neue Erzählhaltung, nicht um das Erzählte. Wir erleben Stenogramme, Gehirnreflexe, Ketten von Assoziationen. Man nennt das heute wohl eine Bewußtseinskollage. Einer reproduziert nicht die Dinge, sondern die Sprachreflexe, die ihm zu diesen Dingen einfallen. Wenn das – nicht Fiction ist?