Von Waldemar Besson

Hans Rothfels: „Bismarck. Vorträge und Abhandlungen“; W. Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1970; 240 Seiten, 18,80 DM.

Um es vorweg zu sagen: Hans Rothfels ist kein „moderner“ Autor und Bismarck kein „modernes“ Thema, es sei denn, man suche daran zu demonstrieren, wie wenig „wissenschaftlich“ alle Geschichtsschreibung bisher gewesen sei. In der Tat kommt diese Sammlung von Bismarck-Aufsätzen aus vier Jahrzehnten im Gewande des Unzeitgemäßen daher. Aber es könnte sein, daß gerade dies den geistigen und politischen Rang dieser Neuerscheinung ausmacht.

Der Verfasser, der eben seinen 79. Geburtstag feierte, seit zehn Jahren Emeritus an den Universitäten Tübingen und Chikago, gehört zu jener Historikergeneration, die noch vor 1914 zu studieren begann und von Krieg und Revolution tief geprägt wurde. Inmitten der politischen Leidenschaften der zwanziger Jahre entwarf Rothfels ein realistisches Bismarck-Bild, das sich trotz des Nationalsozialismus, trotz der Zerstörung des Bismarck-Reiches durchhalten und in den fünfziger Jahren neu fixieren ließ. Diese einzigartige Kontinuität bezeugt eindrucksvoll die Kraft historischen Denkens, das gegen die Flut der Pervertierung und der Mythen zu bestehen vermochte.

Hans Rothfels ist es auch nicht einen Augenblick zweifelhaft gewesen, wie nahe in der politischen Tradition der Deutschen Glanz und Elend liegen. Seine Bismarck-Deutung ist frei von Heldenverehrung und Augenwischerei. Schon die Sprache des Verfassers, die ihren eigenen unverwechselbaren Klang hat, indem sie das Komplexe wiedergibt, aber stets zum Grundsätzlichen vorstößt, korrespondiert auffallend mit einer historischen Figur, die bei aller Virtuosität ihrer vielfältigen Züge in Gedanken des Dienstes etwas elementar Einfaches verkörperte. „Das Gefühl, ‚auf der Bresche zu stehen‘ und ‚anschlagsmäßig verbraucht zu werden‘, hielt der Souveränität einer machtvollen Persönlichkeit allezeit die Waage.“

Dieses Rothfelssche Bismarck-Bild steht gegen die Dogmatisierung des „Eisernen Kanzlers“ als des Repräsentanten einer skrupellosen Machtpolitik, die unter Realpolitik nichts anderes als eine Sache von Blut und Eisen verstand. Die Forschungen der zwanziger Jahre über Bismarcks englische Bündnispolitik und sein Verhältnis zu den Nationalitätenproblemen in Ost-Mittel-Europa überzeugten Rothfels, daß der Meister politischer Taktik niemals ohne geschichtliche und übergeschichtliche Bindungen gehandelt habe. Es gab bei ihm, so konnte Rothfels zeigen, die festen und tiefen Geleise, die Bindung der Außenpolitik an ein gesamteuropäisches Gesellschaftskonzept. Dieses Konzept hat die Sicherung der Lebensinteressen Preußen-Deutschlands – als Staat unter Staaten nach außen und als Staat über den Parteien nach innen – an die Idee des europäischen Friedens gebunden. In Rothfels’ kurzer Erinnerung an Theodor Heuss tritt diese Zucht der Unterordnung des handelnden Staatsmanns unter die Räson eines historischen Staates klar hervor. Heuss wie Rothfels sahen den Altkanzler als einen Mann, der „in aller Kühnheit der Phantasie und der Verwegenheit der Mittel sich unter dem Gesetz des Maßes wußte“.