Von Sepp Binder

„Wenn Gefahr besteht, daß sich Dinge verändern – dann herrscht Unordnung.“

Kurt Tucholsky

Als Leitmotiv für die Reaktionen auf die Septemberstreiks 1969 im Kohlerevier und in der Stahlindustrie hätte Tucholskys ironischer Seitenhieb herhalten können. Denn so mancher Schwarzseher meinte damals, mit dieser „Unordnung“ beginne in der Bundesrepublik, dem streikärmsten kapitalistischen Land, eine „Demokratisierung der Wirtschaft“ (Rheinische Post).

Ein „anarchistischer Stil der Lohnpolitik“, so die Süddeutsche Zeitung, schien im vergangenen Spätsommer den sozialpolitischen Status quo zu bedrohen. Und hinter der sozialen Bewegung vermuteten die Ängstlichsten wiederum aktive Kommunisten als Drahtzieher im Betriebsuntergrund; die Gewerkschaften dagegen wurden als unfähig gescholten, weil sie die Arbeitermassen nicht am kurzen Zügel des Arbeitsfriedens halten konnten. Antikommunismus und die Fehleinschätzung gewerkschaftlicher Möglichkeiten prägen noch heute in vielen Bevölkerungsteilen das Zerrbild von den „wilden Streiks“.

Die wohl umfassendste Untersuchung und Standortbestimmung der Arbeiterbewegung vor der Bundestagswahl, die jetzt vorliegt, könnte da aufklärend wirken:

„Die Septemberstreiks 1969. Darstellung, Analyse, Dokumente der Streiks in der Stahlindustrie, im Bergbau, in der metallverarbeitenden Industrie und anderen Wirtschaftsbereichen“; hrsg. vom Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF); Frankfurt/Main 1969; 408 Seiten, 55,– DM.