Zwischen Anpassung und Klassenkampf – Der desolate Zustand des Arbeiterbewußtseins

Von Gisela Stelly

Die Bereitschaft, ohne gewerkschaftlichen Segen auf die Straße zu gehen, scheint sich bei den westdeutschen Arbeitern seit dem Spätsommer 1969 „spontan“ eingenistet zu haben. Das Institut für angewandte Sozialwissenschaft in Bad Godesberg (Infas) ermittelte kürzlich, 62 Prozent der „wilden Streiker“ des letzten Jahres würden jederzeit wieder dabeisein. Offensichtlich hat sogar diese Möglichkeit noch ihren Schrecken: Weder eine zehnprozentige Steuererhöhung noch eine Steuervorauszahlung von zehn Prozent überlebten nach dieser Bonner Prognose das Planungsstadium. Was bedeutet das? Etwa, daß in dem Maße, wie die Apo verkümmert, sich ihr liebstes Kind, eine revolutionäre Arbeiterschaft, kräftigt oder schon gar bedrohlich stark wird.

In einer Anmerkung der wohl umfangreichsten bedrohlich stark wird?

„Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein“; hrsg. von Horst Kern / Michael Schumann; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 1970; Bd. I 278 S., Bd. II 242 S., 50,– DM.

behaupten die Verfasser, nicht der alte Klassenkampfgeist sei in die westdeutschen Industriearbeiter gefahren, vielmehr hätten sie eine Situation genutzt, in der ihnen die Trauben in den Schoß fallen mußten: Die mit keiner Ideologie mehr zu überbrückende Spanne zwischen Löhnen und Unternehmergewinnen, die Lähmung der Parteien durch den Bundestagswahlkampf und die „beobachteten Erfolge neuer Protestformen am Rande der Legalität in anderen gesellschaftlichen Bereichen ... erleichterten ... den Schritt zu unkonventionellen Kampfmaßnahmen“.

Die wilden Streiks wurden für diese Untersuchung zum Testfall. Schon 1965 hatten die Autoren, Mitglieder des soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (Soft), damit begonnen, Daten für den soziologischen Teil dieses interdisziplinären Forschungsprojektes zu sammeln, das von ökonomischen und arbeitswissenschaftlichen Studien ergänzt wird. Das Projekt wurde vom Rationalisierungskuratorium der deutschen Wirtschaft (RKW e. V.) in Auftrag gegeben und vom Bundeswirtschaftsministerium finanziert.