Die IG Chemie zeigt sich von einer neuen Seite. In Hessen erklärte sie die Lohntarifverhandlungen für rund 100 000 Arbeiter für gescheitert. Dabei ging es nicht, wie es verständlich gewesen wäre, um die Unvereinbarkeit der Ansichten von Arbeitnehmern und Arbeitgebern über das Ausmaß der Lohnerhöhungen, sondern um die Frage, für welchen Kreis der Arbeitnehmer ein neuer Vertrag ausgehandelt werden soll.

Die Gewerkschaft will über eine allgemeine Lohnerhöhung hinaus Sonderverträge für etwa die Hälfte der hessischen Chemiearbeiter abschließen, die in neun Betrieben arbeiten. Die Arbeitgeber dagegen wollen die Tarifpolitik – wie es der Arbeitsring Chemie ausdrückte – nicht mit Sonderinteressen einzelner Gruppen belasten.

Die IG Chemie zielt auf die florierenden Betriebe, in denen die Effektivlöhne bereits zum Teil erheblich über den Tariflöhnen liegen. Hier fragen sich die Arbeiter, warum sie die gewiß nicht niedrigen Gewerkschaftsbeiträge zahlen sollen, wenn die angepeilten Lohnerhöhungen ihnen ohnehin nicht viel mehr bringen als die bereits jetzt gezahlten Löhne. Die Sorge der Gewerkschaft um einen Verlust ihrer Anziehungskraft ist verständlich.

Dennoch ist die jetzige Haltung ein Bruch in der Argumentation der IG Chemie. Die Gewerkschaften haben sich bisher – mit einem gewissen Recht – in der Regel gegen Firmentarife gewandt, weil nach ihrer Auffassung sonst ein großer Teil der Arbeiterschaft benachteiligt würde. Es ist unlogisch, wenn sie jetzt ihrerseits Arbeitnehmern in den guten Betrieben einen Vorteil verschaffen wollen. Entweder – oder.

mh