Von Sepp Binder

Wie ist Norbert nur darauf gekommen? Er testete die Empfindlichkeit verschiedener Farbumkehrfilme, baute sich einen einfachen Holzkasten und installierte Lampen und Meßgeräte darin, eine Kamera und viele Ideen. Resultat: Norbert hatte ein neues Verfahren der Farbphotographie im Bereich der Astronomie ausgeknobelt und damit wissenschaftliches Neuland betreten.

In der letzten Woche packte der Schüler Norbert Vorstadt aus Kohlscheid bei Aachen Kasten, Kamera und Testbilder zusammen und reiste in die Farbenstadt Leverkusen. Dort bewies er der Jury von „Jugend forscht 70“, daß sein Verfahren der Astro-Photographie für eine natürliche Farbwiedergabe bei extremen Lichtverhältnissen geeignet ist und sonst unsichtbare Spektral- – Dereiche sichtbar machen kann. Die „Jugend forscht“-Jury fand Einfallsreichtum, experimentelles Geschick und Ausführung der Arbeit so gut, daß sie dem Gymnasiasten, der später einmal Astro-Physiker werden möchte, den Bundessieg für das Fachgebiet Geo- und Raumwissenschaften zusprach. Freilich, nicht allein die Forschungsarbeit verblüffte die Juroren: Norbert Vorstadt ist gerade sechzehn Jahre alt.

Insgesamt hatten sich 64 Teilnehmer über die Regionalausscheidungen in den Bundesländern für den Bundeswettkampf qualifiziert. Die Sieger in Mathematik/Datenverarbeitung, Physik, Geo- und Raumwissenschaften, Chemie, Technologie und Biologie gewannen stattliche Geldpreise für ihre weiteren Forschungsvorhaben und eine vierzehntägige Japanreise. Das bislang alljährliche Treffen mit der amerikanischen Jungforschergeneration hingegen wurde in diesem Jahr zum ersten Male, seit der „stern“ 1966 „Jugend forscht“ gestartet hatte, abgesagt. Nicht allein Einstimmigkeiten mit den US-Organisatoren der International Science Fair führten zu diesem Entschluß; die jungen Forscher des alten Kontinents wollen zukünftig den Leistungsvergleich zuerst untereinander suchen: Noch im Herbst dieses Jahres soll in Hamburg eine europäische Wissenschaftsschau der besten 16- bis 21jährigen Naturwissenschaftler stattfinden.

Was Originalität und Leistungsniveau betrifft, haben die Jungen und Mädchen der Bundesrepublik mit den forschenden US-Teenagern längst gleichgezogen. Doch die seit zwanzig Jahren in den USA praktizierte „Science Fair“-Idee ist als Mammutveranstaltung nicht zu überbieten: Jährlich nehmen an ihr über eine Million junge Wissenschaftler teil, während der „Jugend forscht“-Wettbewerb durchschnittlich nur sechshundert Teilnehmer zählt.

Gleichwohl ist der nahezu sportliche Reiz, der Wissenschaft und Wettkampf verbindet, international. Gemeinsam ist allen, jugendlichen Wissenschafts-Olympioniken die Freude an naturwissenschaftlicher Arbeit, der Spaß am Entdecken und an kniffligen Problemen, die Lust letztlich an der Leistung. Obwohl die Schüler, Lehrlinge und Praktikanten mit Intelligenz und beharrlichem Eifer in einem oft eng begrenzten und ausgefallenen Spezialgebiet ihre verblüffenden Ideen zu verwirklichen suchen und obwohl sie vor der strengen Jury bekannter Wissenschaftler ihre Arbeit immer wieder verteidigen oder geduldig erklären müssen – „Jugend forscht“ ist alles andere als ein Wegbereiter zum künftigen Fachidioten.

Es sind keine Wunderkinder am Werk, sondern normal begabte Jungen und Mädchen, die sich mit Wissenschaftsthemen ungezwungen auseinandersetzen und an die Öffentlichkeit wagen. Und so manches naturwissenschaftliche Talent entdeckte, wie der siebzehnjährige Gerd Rumpf sagte, „daß das Grundsätzliche und das scheinbar Selbstverständliche spannend und aufregend sein kann wie ein guter Krimi“.