ARD, Sonntag, 12. April: „Wie ein Blitz“

Auf heult der Motor. Jetzt geht’s los; denn der Film dreht sich zu Ende. Der schöne Schurke legt das Boot in die Kurve und die Frau aufs Kreuz. Er haut sie um. Er bindet das Ruderrad fest, Kurs auf die Felsen an der Küste. Bevor er sich in James-Bond-Manier empfiehlt, im Schwimmtaucheranzug, schüttet er Benzin aus dem Kanister über die heißen Zylinder. Und Kennern des Fernsehens in Farb-Regie ist ganz klar: Eine Explosions-Bunt-Orgie steht bevor.

Der schöne Schurke ist untergetaucht. Die ausgeknockte Frau schlägt die Schlafzimmeraugen auf und springt, was die Regie erheblich erheitert, ebenfalls über Bord. Das Boot mit dem gefesselten Steuer rast auf die Klippen zu. Und weg ist es.

Krach, Bumm, wie ein Blitz, Atombömbchen ... Wo ist sie geblieben, die schicke Motorjacht? Im ältesten Regiehut wurde sie weggezaubert wie ein weißes Kaninchen. Plötzlich sah man die Klippe von Land; und was dahinter, auf der Seeseite, von Pyrotechnikern für uns pyromanische Zuschauer veranstaltet wurde, ging niemand was an. Wer weiß, was man da alles in die Luft ballerte. Auf keinen Fall war das Luxusboot dabei. Kein Splitterchen flog, geschweige denn ein ganzer Anker. Die Jacht liegt wohlbehalten am Steg.

Und das ärgert einen doch ein bißchen. Abgefahrene Autos den Hang hinunterschmeißen, das können sie; aber mal eine Motorjacht verpulvern, da wird gepaßt! In den Sälen vor der Leinwand haben sie schon eine ganze Armada von Schlachtschiffen versenkt. Im Wohnzimmer aber gönnen sie uns nicht mal das „blow up“ eines Kaffeefahrten-Kreuzers. Das Fernsehen ist wohl doch bloß der kleine Bruder des Kinos. Da wird geknausert, als ginge es um „Die billige Kamera“ – welchen Preis Hör zu getrost noch seiner „Goldenen Kamera“ hinzugesellen sollte.

Mich ärgert das alles doppelt; denn ich sitze noch immer vor einem Grau-in-Grau-Gerät. Ich habe nichts von den Psychedelic-Pop-Punkten, die von der Fernseh-Farb-Regie mit Explosionen gesetzt werden. Kein Gift-Gelb-Schwefel-Orange-Blitz mit Grünstich entzückt mein Auge. Unheiliger Sigmund Freud, Entdecker des Destruktionstriebs, steh mir bei, wenn ich von den Fernseh-Fritzen fordere: Trümmer müssen wirbeln; Stücke will ich sehen! Farbe ist mir schnurz egal. Und außerdem habe ich etwas gegen alte Regie-Hüte.

Warum denn, zum Seeteufel, haben wir die Gebührenerhöhung gehabt? Damit man Luxusjachten auf die Klippen und in die Luft jagt! Und ich das sehe!

„Heute abend sehen Sie das ganze Programm in Farbe“ – so oder ähnlich hatte es die Ansagerin uns am Sonnabend premierenhaft angekündigt. Es klang wie eine Ansage der Fernsehgeräte-Industrie. Alexander Rost