Von Kurt Becker

Wien ist seit Donnerstag dieser Woche die wichtigste Konferenzstadt der Welt. Zum zweiten Male versuchen amerikanische und sowjetische Unterhändler, den strategischen Rüstungswettlauf der beiden Supermächte, wenn schon nicht zu stoppen, so doch wenigstens abzubremsen oder nach gemeinsam entworfenen Regeln in ruhigere Bahnen zu lenken.

Von der Wiener Konferenz kann genausowenig wie von dem ersten Treffen in Helsinki Ende 1969 erwartet werden, daß der gordische Knoten mit einem Streich durchschlagen wird. Die amerikanisch-sowjetischen Gespräche zur Begrenzung der strategischen Kernwaffen (SALT – Strategie Arms Limitation Talks) sind auf mehrere Jahre angelegt, und sie werden sicher so lange dauern, sofern dieses in der Geschichte einzigartige Experiment überhaupt zu einem Erfolg führen sollte.

Immerhin brauchten die beiden Weltmächte fünf Jahre, um 1963 ein Abkommen über das begrenzte Verbot von Atomversuchen abschließen zu können, und sechs Jahre, bis sie 1968 den Atomsperrvertrag unterzeichneten. Dabei ging es ihnen in beiden Fällen nur darum, die Exklusivität des Atomklubs aufrechtzuerhalten; es waren Verträge zu Lasten dritter Mächte, denen sich nur China und Frankreich entzogen haben. Heute hingegen sind die beiden Weltmächtewillens, sich selbst bestimmten Rüstungskontroll -Abmachungen zu unterwerfen oder zumindest über deren Modalitäten zu sprechen.

Zur Verhandlung steht die Fortdauer des strategischen Gleichgewichts, dessen Stabilität bisher alle Ost-West-Krisen eindämmen half. Doch die stürmische technologische Weiterentwicklung der Raketen führt unaufhaltsam dazu, daß dieses Gleichgewicht des Schreckens unstabil wird. Nur kühle Ratio und Interessenübereinstimmung der Weltmächte vermögen hier noch Abhilfe zu schaffen: durch wechselseitige Respektierung der Sicherheitsbedürfnisse und politische Regeln zur quantitativen und qualitativen Begrenzung der Vernichtungskapazitäten.

Die politische Wirkung freilich könnte darin bestehen, daß die beiden Hegemonialmächte in West und Ost durch ein solches strategisches Abkommen ihre Doppelhegemonie institutionalisieren – so, wie sie de Gaulle als Gespenst an die Wand gemalt hat.

Diese Perspektive hat indessen nicht nur de Gaulle geschreckt. Nahezu allen europäischen Verbündeten erscheint zwar die Aussicht auf ein einigermaßen verbürgtes strategisches Gleichgewicht unverzichtbar, aber sie sehen auch die Kehrseite: Ein strategisches Abkommen könnte dazu führen, daß Amerika der Sowjetunion im Fall eines begrenzten Konflikts in Europa die atomare Eskalation nicht mehr androht, die Sicherheit der europäischen Verbündeten also in einer neuen Perspektive gesehen werden muß.