Von Wolfgang Rieger

Am 16. Januar 1969 um 14.43 Uhr schaut ein Killer auf dem Wiener Zentralfriedhof durch das Zielfernrohr seines Gewehres. Er wartet auf sein Opfer. Spätestens seit Dallas und Memphis sind Neugier und Phantasie angesprochen, wenn der Gebrauch eines Zielfernrohres erläutert wird. Von dieser günstigen Startposition aus jagt der Erfolgsautor Johannes Mario Simmel die Leser über den verschlungenen Parcours seines neuesten Romans. Der Held des Buches, Manuel Aranda, ist aus Argentinien nach Wien gekommen, um die Ermordung seines Vaters aufzuklären. Siebenhundertsechsunddreißig Seiten später wissen Aranda und die Leser mehr. Geheimdienste aus Ost und West haben sich bemüht, dem Amateurdetektiv Ungemach zu bereiten. Im Gepäck seines Vaters fand er nämlich die Formel für eine fürchterliche biologisch-chemische Waffe. Nicht nur wegen dieser Entdeckung verliert der Sohn den Respekt vor seinem alten Herrn. Inzwischen ist ihm auch die Verstrickung seines Vaters in die Untaten der Nazizeit dokumentiert worden.

Der Bestseller-Autor Johannes Mario Simmel verpaßt den Anschluß nicht. Prompt werden politische Ereignisse, die Schlagzeilen machen, und gegenwartsnahe Sujets, in denen die Probleme der Gesellschaft anklingen, als Montagestücke für seine Buchproduktion verwendet. In seinem Haus an der Waldschmidtstraße in Starnberg sitzt der gebürtige Wiener, der einmal Chemie studierte, und sammelt fleißig und pedantisch das Material für seine unterhaltenden Volumina. Meistens stimmen die Einzelheiten bis auf mehrere Stellen hinter dem Komma, ob es nun Texte von Kriegssendungen der BBC sind oder juristische Spezialitäten aus einem Vaterschaftsprozeß in der Nazizeit. Tatsachen werden nur verändert, „um Unschuldige zu schützen“. Trotz aller Akribie ist das Resultat aber weder eine Reportage à la Capote noch ein Zeitroman im Stile Vidals. Simmel kann nicht mit Drury, Uris, Snow oder Koeppen verglichen werden. Das ist nicht nur eine Frage der Sprache und des Stils. Simmel verfolgt andere Absichten, sein Entwicklungsgang erläutert es.

Er lernte und perfektionierte die Kunst der Kolportage bei der Arbeit an Illustriertenromanen und Filmmanuskripten. Schließlich entstand dabei ein besonderes Organisationsprinzip, zeitgeschichtliche Themen und Daten in seine Erfolgsromane hineinzuhäkeln. Es sind mehr oder weniger brandheiße Neuigkeiten und Untaten, mit denen die Gesellschaft nicht fertig wird; so zum Beispiel: Tunnelbau an der Berliner Mauer, Jagd auf KZ-Ärzte, Duelle der Geheimdienste, Aufstieg der NPD, Verfolgung der Juden im Dritten Reich, Experimente mit chemischen und biologischen Waffen, ein wenig SDS, eine Prise Große Koalition, ein bißchen Vietnam.

Aus diesem geschickt ausgewählten Material baut der Autor den Grund, auf dem seine Helden das Zeremoniell einer verschlungenen Handlung absolvieren müssen. In der scheinbar so realen Romanwelt wird das Leben zum großen Abenteuer. Daten und Taten aus der Zeitgeschichte sind dabei mehr als nur Unter- oder Hintergrund. An ihnen und durch sie will Simmel die Moral von der Geschichte demonstrieren.

Er hält sich bestimmt für einen engagierten Schriftsteller, nicht nur für einen geschickten Erfolgsautor. Er will das Böse und Verbrecherische anklagen, wenn er seinen Manifestationen in der Zeitgeschichte nachspürt. Er möchte die nach seiner Ansicht unausweichliche, schicksalhafte Interdependenz der Individuen in seinen Romanen sichtbar machen.

Simmel trifft den Geschmack seiner Leser. Sein gesellschaftliches Bewußtsein entspricht dem ihrigen. Die Leser honorieren es, wenn ihre Neugier geweckt und nach sechs- bis siebenhundert Seiten Spannung und Rätselraten befriedigt wird. Das Grundmuster der Detektivgeschichte wird dabei angereichert durch eine Portion Sex und einige Happen Sentimentalität und „Bildungsgut“. Die Liebe findet auch noch Platz, sie wird jedoch dosiert hinzugegeben. Das verkauft sich an Leute von heute. Schon vierzehn Tage nach Erscheinen waren im März 50 000 Exemplare des neuesten Buches von Simmel vergriffen. „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ wird mühelos in Hunderttausender-Höhen gelangen, so wie frühere Romane des Autors die Halbmillionengrenze erreichten oder überschritten (Gesamtauflage in und außerhalb der Bundesrepublik inzwischen fünfeinhalb Millionen).