Von Fritz René Allemann

Gleich nach Willy Brandt hat man in Washington einen Besucher empfangen, der dort schon im März seine Aufwartung gemacht hatte und am letzten Wochenende erneut zur Fahrt über den Atlantik aufgebrochen war: den spanischen Außenminister Gregorio Lopez Bravo. Hatte seine erste Visite vor allem der Aufnahme des Kontaktes gedient, so werden nun die Verhandlungen um die Zukunft der amerikanischen Luft- und Marinebasen auf spanischem Boden in Gang kommen. Das Stützpunktabkommen von 1953 war schon 1968 ausgelaufen, inzwischen ist es freilich zweimal „provisorisch“ verlängert worden. Die Frage, was nach seinem definitiven Ende im kommenden September geschehen soll, muß im Laufe der nächsten Monats entschieden werden.

Daß die Gespräche über dieses, für die Außenpolitik Francos fundamentale Problem „hart und schwierig“ sein werden, ist von spanischer Seite zugegeben worden. An den Schwierigkeiten haben freilich die übersteigerten Forderungen einen guten Teil Schuld, auf die sich der Vorgänger von Lopez Bravo, Fernando Mario Castiella, in Überschätzung der Position Madrids festgelegt hatte. Castiella liebte es, mit Eklat zu operieren, aber viel Fortune war ihm dabei nicht beschieden. Über sein Verlangen, die USA sollten sich den Fortbestand ihrer militärischen Präsenz auf der Iberischen Halbinsel mit einer fünfjährigen Rüstungshilfe im Gesamtbetrag von einer Milliarde Dollar und einem förmlichen spanisch-amerikanischen Bündnis erkaufen, wollten die Amerikaner nicht einmal ernsthaft diskutieren. Lopez Bravo wird nun eine realistischere Geschäftsbasis finden müssen – etwa dadurch, daß neben militärisch-politischen auch wirtschaftliche Kompensationen zur Debatte gestellt werden, wie sich das bereits bei seinen Unterhaltungen im vorigen Monat abgezeichnet hat.

Das bedeutet keineswegs, daß der Sechsundvierzigjährige, der am 29. Oktober vorigen Jahres bei der spektakulärsten Kabinettsumbildung in Madrid an Castiellas Stelle getreten ist, etwa ein bequemer Unterhändler wäre. Sein nüchterner Realismus verbindet sich mit einer gehörigen Dosis Zähigkeit. Aber anders als sein Vorgänger weiß Lopez Bravo zwischen Härte und Starrheit zu unterscheiden: Entschiedenheit in der Verfechtung nationaler Interessen verträgt sich nach seiner Meinung durchaus mit Elastizität in der Methode. Vor allem aber ist er ein Mann, der es liebt und versteht, mit mehreren Bällen gleichzeitig zu spielen. Er hat zwar klare Ziele, aber er ist sich bewußt, daß man ihnen auf Umwegen manchmal schneller nahekommt. Wenn man einen gemeinsamen Nenner für die oft verwirrenden Winkelzüge und Hakenschläge sucht, die er in dem knappen halben Jahr seiner Amtsführung schon unternommen hat, dann tritt vor allem ein Bestreben zutage: wie systematisch er an einer Ausweitung des Spielraums für die Diplomatie Madrids arbeitet.

Das ist um so beachtenswerter, als Lopez Bravo seinen Posten ohne jede diplomatische Erfahrung angetreten hat. Der schlanke Marine-Ingenieur hat sich seine Sporen, in der Wirtschaft verdient (und einen guten Teil seiner Ausbildung übrigens in den Vereinigten Staaten erhalten); auch seine Verwaltungs- und Regierungskarriere seit 1959 spielte sich zunächst ausschließlich im ökonomischen Bereich ab. Schon sein erster verantwortlicher Posten als Generaldirektor für Außenhandel brachte ihn freilich in enge Berührung mit der internationalen Politik, deren Kenntnis er auf zahlreichen Reisen in alle Erdteile vertiefen konnte. Das kam ihm auch zugute, als er 1962 an die Spitze des Industrieministeriumsberufen wurde: Der erstaunliche industrielle Aufschwung Spaniens im letzten Jahrzehnt nach einer langen Periode der Stagnation, an dem auch einzelne Rückschläge und selbst einige peinliche Affären nichts ändern, ist vor allem ein Ergebnis jener Politik der „Öffnung“ nach Außen, an der er neben dem früheren Handelsminister Ullastres und dem Planungschef Lopez Rodo entscheidenden Anteil hat.

Mit Lopez Rodo – der „Grauen Eminenz“ der letzten Madrider Kabinette – verbindet Lopez Bravo nicht nur die Zugehörigkeit zu dem vielumstrittenen katholischen Laienorden opus dei, sondern auch die leidenschaftliche Überzeugung, daß Spaniens Zukunft in einer immer engeren Verflechtung mit den europäischen Gemeinschaften liege; das erste spanische Präferenzabkommen mit der EWG, im März nach achtjährigen Verhandlungen abgeschlossen, stellt einen bedeutsamen Markstein auf diesem Wege dar. Aus solcher Sicht wird auch seine Neigung, den Konflikt mit Großbritannien um Gibraltar zu dämpfen, erklärlich: In seinen Augen ist diese von Castiella hochgespielte Frage zwar „einer der Kardinalpunkte unserer Außenpolitik, aber nicht ihr magnetischer Pol“ – dieser Pol, so muß man hinzufügen, heißt vielmehr Europa.

Aber selbst da glaubt der Außenminister nicht an dogmatische Festlegungen. Der enge Anschluß an die Sechs (und die Suche nach einem soliden Verhältnis zu den USA) schließt für ihn keine exklusive Option ein. Mit dem gleichen Elan, den er auf seinen Reisen nach Brüssel, Rom, Paris und Washington an den Tag gelegt hat, betreibt er auch eine andere Öffnung: die zum Ostblock. Lopez Bravos sensationeller Aufenthalt in Moskau auf dem Rückflug von Manila, wo er der Einführung des Präsidenten Marcos in seine zweite Amtszeit beiwohnte, war nicht etwa nur das Resultat von Wetterbedingungen; jedenfalls hat er die Gelegenheit zu einem ausgiebigen Gespräch mit einem der Stellvertreter Gromykos ausgenützt. Und wenn sich in diesem Monat eine sowjetische Marinemission in Madrid etabliert hat, so wird sie kaum nur die Interessen der russischen Fischereiflotte wahrnehmen, der schon Castiella Hafenrechte auf den kanarischen Inseln eingeräumt hatte; sie wird auch für die Fortsetzung des diplomatischen Dialogs eingespannt werden.