Von Gustav Adolf Henning

Eine originelle Verwünschungsformel aus der Zeit des zaristischen Rußland lautet: „Mögest du einen Igel gegen den Strich gebären!“ In der Tat kommen Igel bereits mit Stacheln zur Welt, die etwa drei Millimeter aus der Haut hervorragen. Aber die Haut ist während der Geburt so wasserreich und „ausgequollen“, daß die Stacheln schon bei sanftem Druck ins Hautpolster zurückgedrängt werden. Sie verzögern also die Geburt nicht und sind auch keine Gefahr für die Geburtswege.

Bei Huftieren könnten nun die Stirnwaffen – Gehörne und Geweihe – bei der Geburt zu Schwierigkeiten führen, und sie sind daher im allgemeinen beim Fetus noch nicht – entwickelt oder nur kaum angedeutet. Giraffen jedoch kommen schon mit Hörnern ziemlicher Länge zur Welt. Mit einer merkwürdigen Sonderanpassung, durch die Geburtsverzögerungen vermieden werden, befaßte sich der niederländische Zoologe und Spezialist für vergleichende Geburtskunde Dr. C. Naaktgeboren von der Universität Amsterdam in der „Zeitschrift für Säugetierkunde“ (Band 34, Heft 6).

Anders als bei Rindern, Antilopen, Schafen und Ziegen keimt der Hornzapfen bei Giraffen nicht als Auswuchs aus dem Schädelknochen hervor, sondern er entsteht aus einem Knochenkern außerhalb des Schädels. Daher sind die Stirnwaffen beim Neugeborenen noch beweglich. Während der Geburt liegen die Hörner beim Fetus zur Mittelachse des Halses oder etwas schwanzwärts umgeknickt dem Kopf eng an. So vergrößern sie den Kopfumfang nicht und verursachen nie Geburtsschwierigkeiten.

Ist die Giraffe einen Tag alt, dann stehen die Hörner bereits vom Kopf ab, aber immer noch etwas schief. Bei einer zwei Wochen alten Giraffe konnte der Zoologe feststellen, daß sich die Hörner noch leicht bewegen ließen. Wahrscheinlich ist das Bindegewebe zwischen Horn und Schädelkapsel während der Geburt recht locker. Fest verwachsen mit dem Schädel sind die Hörner bei männlichen Tieren erst nach vier Jahren, bei weiblichen sogar erst im siebten Lebensjahr.

Daß ein beim Fetus bereits ausgebildetes Gehörn den Geburtsvorgang wirklich verzögert, konnte Dr. Naaktgeboren bei Heideschäfer feststellen, die in der niederländischen Provinz Drente gehalten werden. Zuweilen kommen Lämmer dieser Schafrassen mit ziemlich stark entwickelten Hörnern zur Welt. Bei einem Lamm waren sie vier Zentimeter hoch. Der Kopfumfang hatte sich dadurch auf 28 Zentimeter vergrößert (Durchschnitt: 24,5 bis 25 Zentimeter), und die Austreibung, die normal fünfzehn Minuten dauert, verlängerte sich trotz menschlicher Hilfe auf zweiunddreißig Minuten, weil der Fetus mit dem Gehörn in den Geburtswegen steckenblieb.

Nun sind Geburtshindernisse ein ganz unmittelbarer Ansatzpunkt für die Selektion, denn eine stark verzögerte Geburt gefährdet unter natürlichen Umständen das Muttertier ebenso wie den Nachwuchs. Besonders bei Nestflüchtern, die also bereits in einem weit entwickelten Zustand geboren werden, ist der Stoffwechsel sehr rege, und eine verzögerte Geburt kann dazu führen, daß das Junge an Atemnot leidet oder gar erstickt. In dieser Notlage hat sich bei einigen sozialen Tieren ein Geburtshilfeverhalten entwickelt. Eine solche – der Selektion entgegenwirkende – Hilfe wird, wie der deutsche Zoologe Fritz Dieterlen entdeckte, den gebärenden Stachelmäusen zuteil.