Amerikas Kreuzzug: Wider die Verschmutzung der menschlichen Umwelt

Von Joachim Schwelien

An einem Sommertag des vergangenen Jahres geriet unvermittelt der Cleveland durchziehende Cuyahoga-Fluß in Brand. Seine Flammen drohten, einige Eisenbahnbrücken zu zerstören. Auch in Amerika dient Wasser zum Feuerlöschen, nicht zum Feuerentfachen. Aber der Guyahoga loderte, weil seine Oberfläche von einer dicken, bräunlichen Schicht entzündlicher Industrieabwässer bedeckt war, einem explosiven Gemisch von Ölrückständen und Chemikalien.

Das war eine der bisher dramatischsten Episoden der Umweltverschmutzung. Obgleich sie ein längst erkanntes und nach allen Richtungen seit Jahren durchforschtes Phänomen aller Industrieländer ist, wird sie in den Vereinigten Staaten erst jetzt zu einer erstrangigen öffentlichen Angelegenheit, zu einem Politikum, dramatisiert. Amerika beginnt, sich in seiner typischen Art auf den Kampf gegen den Verderb der Umwelt zu konzentrieren.

Präsident Nixon wetteifert mit jenen demokratischen Senatoren wie Gaylord Nelson, Edmund Muskie und Henry Jackson, die den Feldzug gegen die Umweltverschmutzung – „pollution“ – seit langem auf ihre Fahnen geschrieben haben, vor dem Volk um die Ehre, die besten und wirksamsten Maßnahmen vorzuschlagen. Fernsehgesellschaften zeigen lange Dokumentationsserien über die Verschmutzung von Luft und Wasser. Die großen Magazine bis hin zu den Wirtschafts-Fachzeitschriften widmen diesem Thema ganze Ausgaben. Eine ökologische Bewegung hat die Universitäten und die Colleges erfaßt, die sich für diese Sache mit dem gleichen Enthusiasmus einsetzt wie früher für die Bürgerrechte zur Gleichstellung der Farbigen oder für den Protest gegen den Krieg in Vietnam.

Manchmal führt das zu grotesken Auswüchsen; in Kalifornien kauften Studenten aus dem Erlös einer gemeinschaftlichen Umlage ein neues Auto, um es dann buchstäblich zu beerdigen: als Symbol der Luftverpestung. Am 22. April werden die Umweltstreiter in Amerika einen „Tag der Erde“ veranstalten mit Demonstrationen, teach-ins und Petitionen an den Kongreß und die Regierung. Namhafte Politiker, wie Oberbürgermeister John Lindsay von New York, wollen sich daran beteiligen; denn wer in der Öffentlichkeit kein Verständnis für dieses so plötzlich aktualisierte Problem zeigt, gerät leicht in den Verdacht, mit der Zeit nicht Schritt zu halten.

Heute ist „Umwelt“ in den USA ein großes Modewort. Wer auf Cocktailpartys nicht wenigstens ein klein bißchen Sachverstand heucheln kann, zieht, sich die strafende Verachtung der Eingeweihten ebenso zu wie jener Ignorant, der vor fünf oder zehn Jahren außerstande war, Herman Kahns Thesen zur thermonuklearen Strategie zu diskutieren. Neben vielen wirklich sachkundigen und fundierten Publikationen über die Begleiterscheinungen der Zivilisation mit bedrohlichen Folgen für die Existenzbedingungen des Menschen treten die Kassandras auf. Sie wollen nachweisen, daß eine Zunahme der Verschmutzung der Atmosphäre bis zu einem bestimmten Grad einen „Treibhauseffekt“ bewirken werde, der das Eis der Polarkappe schmelzen lassen und die Bewohner aller Küstenstriche der nördlichen Hemisphäre vor den steigenden Wassermassen der Ozeane in die Gebirge verjagen werde.