Kann man Landschaften träumen? Die Antwort ist: Ja und nein. Natürlich haben unsere meisten Träume auch einen Ort, aber wie von den Personen, gilt auch von den Lokalitäten unserer Träume, daß sie mehr Gestalten sind als photographisch genau bestimmte Abbilder: mehr Abstraktionen in uns gelegener Wünsche und Erinnerungen als Abzüge einer Wirklichkeit.

Mit dieser Einschränkung halte ich Schottland für die traumhafteste Landschaft: die am meisten zum Träumen sich darbietende. Das ist eine subjektive Feststellung; sie hat eine physikalische Grundlage. Der Zusammenklang von Meer, Seen, Bergen und Heideland, das gleichzeitig Enge und Ferne macht dieses Land in hohem Maß traumwürdig, man braucht noch nicht einmal an die von Blut und Greueltaten rauchende Geschichte zu denken. Vom Schloßfelsen in Edinburgh sagt einem der Führer, die Burg sei niemals durch Eroberung gefallen, um so häufiger durch Verrat; und wenn man die Royal Mile bergab geht und drunten den so merkwürdig offen daliegenden Holyrood-Palast besucht, zeigt einem der Führer den historischen Blutfleck im Vorzimmer der Königin, wo David Riccio, Maria Stuarts Sekretär und vielleicht ihr Liebhaber, vom Ehemann Darnley erstochen wurde. Das war vor 404 Jahren, und was die Originaltreue des Blutflecks angeht, habe ich eine Skeptikerin von englischer Lehrerin (ich hätte es nie gewagt) die Vermutung äußern hören, der Fleck werde wohl alljährlich vom Scottish Tourist Board erneuert. Solche spitzigen Reden bezeugen einen Nachhall der alten Feindschaft zwischen den beiden nunmehr vereinigten Königreichen, mehr noch als der Streit, als der gegenwärtigen Königin ihre Schnörkel-Initialen „E II“ auf den Briefkästen verargt wurden, weil sie doch als Schottlands Königin die erste Elisabeth sei.

Der Ausländer tut gut, sich in solche Auseinandersetzungen nicht einzumischen.

Edinburgh, auf der einen Seite den Klippen des Arthur’s Seat, auf der anderen Seite dem Meer, dem Firth of Forth, zugekehrt, ist eine der herrlichsten Hauptstädte; von düsterer Majestät, aber auch, wenn ausnahmsweise die Sonne scheint, von einer lachenden Klarsicht weit ins Land hinaus. Man sollte es trotzdem mit dem Besuch und der Fernsicht nicht genug sein lassen, sondern dorthin weiterfahren, woran beim Stichwort Schottland jedermann denkt: in die Highlands, wo nach den Worten des Gedichts das Herz hinwandert, um das Wild zu jagen, oder einfach nur aus Sehnsucht. Stevenson, neben Scott der andere große Edinburgher in der Literatur, hat die Highlands sogar als den Jungbrunnen der verletzten gespaltenen Seelen erkannt. In seine gespenstische, ihrer Zeit weit vorausgreifende Schizophrenie-Romanze „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ hat er als Motto ein Gedicht gesetzt, demzufolge „... it’s still for you and me / If the broom blows bonnie in the North Country“ – so lange noch im Norden prächtig der Ginster blüht. Dieses Wort bonnie wird uns in Schottland noch oft begegnen. Nicht nur auf die Ginsterblüte bezieht es sich, sondern auch auf Menschen. „Bonnie Prince Charlie“ ist der letzte Stuart, der 1746 sein Königsrecht wiederzugewinnen versuchte, und bonnie, lieblich und fast allzu süß, ist auch sein Lieblingsgetränk, der aus Whisky und Honig gebraute „Drambuie“, den es in Schottland (nicht billig!) zu kaufen gibt.

Auf dem Weg nordwärts passieren wir bei Queensferry gleich zwei technische Meisterwerke, eines des 19., eines dieses; Jahrhunderts. Ichhabe hier den Firth of Forth noch mit der Fähre überquert, zu Füßen der Eisenbahnbrücke („der weitgespanntesten in Europa“, wie sie sich rühmte), und ich hoffe, daß dies Liebhabern der alten Zeit auch heute noch möglich ist, obwohl seit fünf Jahren eine Autobahnbrücke den Golf überspannt. Während die Straßenbrücke jetzt auf die Höhe des Wasserspiegels herniedersteigt, sah man auf dem Eisenbahnviadukt das Züglein in schwindelnder Höhe über der Fähre einherrollen. Das hielt auch auf dem technischen Bereich zur Demut an.

Der Zugang zu den Highlands führt über Perth und durch den Engpaß von Blair Atholl, wo nicht wenig Blut vergossen worden ist, nach Pitlochry, wo man es heute auf einen Festival-Wettstreit mit Edinburgh und somit mehr auf die moderne Wegelagerei anlegt, die Tourismus heißt. Der eigentlichen Berglandschaft kommen wir erst langsam nahe. Sie läuft von Nordost nach Südwest längs des sogenannten Kaledonischen Kanals, der den Firth of Moray mit der schottischen Westküste verbindet, also von Inverness. nach Fort William. Dieser Kaledonische Kanal, eine größtenteils mit Seen gefüllte Talsenke, ist der beste Zugang zum Paradies der Angler und Kraxler. Überall Seen: Loch Awe, Loch Lochy, am berühmtestend der Loch Ness. Je weiter man nach Westen kommt, um so regelmäßiger bezeichnet das Wort Loch nicht nur einen See, sondern jede Art von stehendem Gewässer, vornehmlich die tiefen, reich gezackten Fjords, von denen die schottische Westküste – ähnlich wie die norwegische – zerrissen ist. Fähren hier wie dort. In den Seitentälern (Glen Urquärt, Glen Möriston, Glen Garry, Glen Shiel, Glen Spean) gleichfalls Seen und Wildbäche.

Der freie Zugang zur Natur, in England notdürftig gewahrt durch die an den National Trust übergegangenen Küstenstriche, Landsitze und Parks, ist in Schottland eingeschränkt durch den dort noch herrschenden Feudalismus der alten Landbesitzer und neu zugezogenen Industriebarone. Es ist Auffassungssache, ob den Reisenden mehr, die dadurch wachgerufene Vorstellung von ungeheuer ausgedehnter unverdorbener Landschaft entzückt (oder etwa in Inverary unmittelbar am Loch Flynn der Anblick des reizenden Schlosses, das der Herzog von Argyll inmitten der nach ihm benannten Grafschaft unterhält), oder ob es ihn verdrießt, daß kilometerweit ein doppelter Drahtzaun den Zutritt zu Wald, und Heide verwehrt. Hübscher sind die beruhigenden altertümlichen Viehsperren aus roh aufgeschichteten Feldsteinen. Was dahinter die struppige Heide rupft, sind Schafe mit einer schwarzen spitzen Gesichtszeichnung, die sie aussehen macht, als trügen sie Teufelsmasken, und die roten Angusrinder, die westwärts immer dunkler und zottiger werden, so daß sie auf den Hebriden wie schwarze langhörnige Büffel aussehen, mit dicken Halskrausen, deren Haar sich im Wind sträubt.