Von Wolfram Siebeck

Was uns Individualtouristen von den Gesellschaftsreisenden unterscheidet: Wir fahren nicht nach Florenz, weil andere es da auch schön finden, sondern wir fahren nach Florenz, obwohl es andere da auch schön finden. Also bin ich nicht mit einer Reisegesellschaft hier in San Gimignano gelandet, sondern habe mich nach sorgfältigem Abwägen verschiedener Möglichkeiten ganz individuell entschlossen, im ersten Hotel am Platze Quartier zu nehmen (es gibt nur zwei). Wie auch die anderen Individualtouristen aus München, Krefeld, Regensburg und Lübeck, deren Autos den ersten Platz am Hotel beparken, habe ich mich dabei vom Guide Michelin leiten lassen, der La Cisterna mit einem Schaukelstuhl auszeichnet, was uns Kennern ein ruhig gelegenes Hotel verheißt.

Als Landbewohner verstehe ich etwas von ruhiger Lage; und hier oben, in den alten Mauern des 14. Jahrhunderts, das sehe ich auf den ersten Blick, hier ist Ruhe, wenn es je welche gibt: enge Gassen ohne Durchgangsverkehr, Zimmer nach Süden mit Blick auf die stillen Hügel der Toskana, hohe, unfreundliche Türme, die keine lärmende Fröhlichkeit aufkommen lassen – mit einem Wort, der richtige Ort für den müden Wanderer. Mein Nachtgebet ist kurz und dankerfüllt.

Ich schlafe bis fünf, weil die Italiener es doch nicht geschafft haben, alle Singvögel auszurotten. Einer der Überlebenden sitzt auf meinem Balkon und bläst zum Wecken, hartnäckig und laut. Bevor ich wieder einschlafe, nehme ich mir vor, zum Mittagessen uccelli zu bestellen, obwohl ich die gelbe Maispampe dazu nicht mag.

Um halb sechs hat mein Zimmernachbar (Krefeld? Lübeck?) einen bösen Hustenanfall. Warum schläft er auch bei offenem Fenster, denke ich mitfühlend und warte, bis er erstickt. Etwas später werde ich wieder wach, weil ein Frühaufsteher sein Motorrad unter meinem Fenster warm laufen läßt. Doch bald stinkt er ab, und ich schlafe weiter, bis um halb sieben die Kirchenglocken zur Andacht läuten. Danach muß ich wieder eingeschlafen sein, denn gegen sieben wecken mich die Dohlen, eine nicht sehr häufige Rabenart, die hier in den alten Türmen haust; das heißt, sie kreisen krächzend um sie herum wie die Touristen, nur höher.

Irgendwann zwischen sieben und acht läuten die Glocken noch einmal, und dann frühstücken die Individualtouristen rechts und links auf ihren Balkons. Spätestens um neun reisen sie ab; die Dohlen sind verschwunden, die Glocken verstummt, und um zehn Uhr vormittags, als ich auf dem Balkon Kaffee trinke, vor mir die stillen Hügel der Toskana, über mir die schweigenden Türme von San Gimignano, da erinnere ich mich, wie wohltuend Ruhe sein kann. Glücklich und unausgeschlafen, wie ich bin, sinke ich in den Schaukelstuhl. Er knarrt.