Von Heinz Michaels

Herr Ralph – alle Welt nennt ihn so, obwohl er eigentlich Louisoder heißt und der Sohn des „großen Louisoder“ ist, wie sein Vater in der Textilbranche immer noch heißt –, Herr Ralph spreizt die Finger seiner rechten Hand: „An den fünf Fingern konnten wir im letzten Herbst die Orders für lange Mode abzählen.“ Trotzdem blieb Ralph Louisoder dabei, bei der „Mode von morgen“.

Wie auf einer Drehbühne erscheint in dem weißen Ausschnitt der dunklen Stringwand ein Mannequin nach dem andern in „Midi“ und „Maxi“, trippelt über den braunen Velours, dreht sich auf dem strahlend weißen, runden Podest unter dem Punktscheinwerfer, nimmt mit unbewegtem Gesicht höflichen Applaus entgegen, der ja nicht der Trägerin, sondern dem hinter den Kulissen verborgenen Designer gilt.

Das Gesicht des Hausherrn spiegelt Zufriedenheit. Wie hatte doch ein Einkäufer vor einem halben Jahr gesagt? „Wenn das die Mode von morgen ist, dann werde ich sie morgen kaufen!“ Nun ist es anscheinend soweit.

Die Szene wiederholt sich hundertfach in diesen Tagen: Mode-Woche-München. Sentimentalkitschig würdigt sie der bayerische Senator Freiberger: „In dem bunten Strauß erfolgreicher Veranstaltungen unserer Messegesellschaft gilt sie als kostbare Blüte, die wir hegen wollen und deren weitere Entfaltung uns am Herzen liegt.“

Zehn Jahre haben genügt, die heimliche Hauptstadt auch zur Modemetropole zu machen, die hart rivalisiert mit der leichtlebigen Rheinländerin Düsseldorf. Auf der Strecke blieb die deutsche Hauptstadt, einst Hochburg der Bekleidungsindustrie und ihr Hauptumschlagplatz.

Vor zehn Jahren zeigten 28 Firmen ihre Kollektionen in einigen Münchner Hotelzimmern. Ein Jahr später war eine Turnhalle der Schauplatz der Ereignisse. Diesmal kamen 1400 Aussteller und füllten die 20 Hallen des Ausstellungsgeländes an der Theresienwiese. Rund 20 000 Einkäufer und Einzelhändler inspizierten die Stände. Die Messeleitung gab die Parole aus, München genieße „nicht nur hinter vorgehaltener Hand den Ruf, der Welt größter Modemarkt zu sein“.