Nicht nur die Bundeswehr fühlt sich innerhalb unserer Gesellschaft isoliert. Ähnlich ist es der Militärseelsorge ergangen. Bei der Gesamtkonferenz der evangelischen Militärpfarrer in Bad Gandersheim war in allen Diskussionen und Gesprächen zu spüren, wie unzufrieden diese Pfarrer mit ihrer Lage sind. Von manchen ihrer zivilen Kollegen, aber auch in der Öffentlichkeit überhaupt werden sie noch immer als Waffensegner und staatliche Erfüllungsgehilfen verdächtigt, während sie selber ihre Gruppenarbeit nicht anders bewertet wissen wollen als die Seelsorge in Universitäten, Krankenhäusern und Gefängnissen. Andererseits gibt es Militärs, die allein schon an Formulierungen wie „Friedensdienst mit und ohne Waffe“ Anstoß nehmen.

Generaldekan Albrecht von Mutius versucht, diesen Spannungen durch den Begriff der „Kritischen Solidarität“ gerecht zu werden. „Ich bin mir aber dabei bewußt, daß eine solche Haltung von Ihnen eine große geistige Spannkraft und das Bewußtsein Ihrer Vollmacht im Amt fordert.“ Unter den Pfarrern wird dieses Selbstverständnis sehr verschieden ausgelegt. Die einen sind mehr für Solidarität, die anderen mehr für Distanz.

Ziemlich einig waren sich die versammelten Pfarrer in der Ablehnung des sogenannten feierlichen Gelöbnisses für Wehrpflichtige. Sie forderten vom Gesetzgeber und der Regierung, die bisherige Formel durch eine einfache „Inpflichtnahme“ zu ersetzen, weil das Wort Gelöbnis religiös befrachtet sei und leicht zu gedankenloser oder bewußter Unwahrhaftigkeit verleiten könne.

Gewisse Sorgen bereitet der Nachwuchs. Es war sogar von einer Boykotthaltung unter den jüngeren Pfarrern die Rede. Zur Zeit stellt die Evangelische Kirche in Deutschland der Bundeswehr 148 Seelsorger, von denen nur 57 jünger als vierzig sind. 35 Planstellen blieben unbesetzt. Wie bei der mangelhaften Mitarbeit der Landeskirchen dieses Defizit gedeckt werden soll, ist unklar. Einer der Dekane verwahrte sich: „Wir wollen keine kommandierten Pfarrer.“ Ein anderer meinte: „Wir dürfen die Landeskirche nicht aus der Haftung entlassen.“ Als Anreiz für den Dienst an der Truppe wurde vorgeschlagen, eine wissenschaftliche Weiterbildung zu ermöglichen, Studenten als Praktikanten einzustellen und Offizieren, die Pfarrer werden möchten, das Studium zu finanzieren.

Die moderne Strömung der „Demokratisierung“ ist auch an der Militärseelsorge nicht vorbeigerauscht. Sehr deutlich wurde eine Personalvertretung der Militärpfarrer im Beirat und in der EKD-Synode gefordert. Einige zischten sogar, wenn auch nur das Wort „Hierarchie“ fiel. Der „Informationsfluß“ von oben, vom Kirchenamt bis hin zu den Pfarrern und umgekehrt, läßt noch zu wünschen übrig. Militärbischof Kunst und die Herren des Kirchenamts versprachen Verbesserungen, hielten jedoch ihr Recht zur Sachentscheidung hoch. Der Generaldekan gestand, daß ihm das Schlagwort „Demokratisierung“ in diesem Bereiche nicht passe. Im Neuen Testament gebe es bessere Modelle. Auch die kritischen Pfarrer suchten nach anderen Worten, wie etwa „Mitverantwortung“.

Eindringlich warnte Militärbischof Kunst vor Änderungen des Militärseelsorgevertrages. Der Staatsvertrag in seiner bisherigen Form sei das Optimum dessen, was vom Staat zu erlangen gewesen sei, und das Maximum, was die einzelnen Kirchen hätten bieten können. Bischof Kunst: „Der eigentliche Mann in der Verantwortung gegenüber Landeskirchen, Rat, Synode der EKD und Landessynoden ist zweifellos der Militärbischof.“ Ihm selber sei immer mehr fraglich geworden, ob es richtig gewesen sei, dieses Amt derart auf eine Person abzustellen. In theologischen Fragen freilich beharrt der Bischof auf seinem Recht, seine Pfarrer auf Herz und Nieren zu prüfen. „Für die Militärseelsorge muß ich am Jüngsten Gericht einstehen.“ kj.