Von Dietrich Strothmann

Viel hat den Israelis der Sieg im Krieg vom Juni 1967 nicht eingebracht: weder völlige Sicherheit noch totalen Frieden. Zu Beginn des vierten Jahres nach der dritten gewonnenen Schlacht der Juden gegen die Araber hat sich herausgestellt, wie nutzlos der vorläufig letzte Waffengang für Israels Kampf um Ruhe und Anerkennung war. Drei Fehleinschätzungen sind den Militärs und Politikern in Jerusalem unterlaufen:

  • Die geschlagenen arabischen Staaten gaben nicht ihren Widerstand gegen Israel auf. Dayans Hoffnung am Tag nach dem letzten Krieg, ein Telephonanruf aus Kairo oder Amman, erfüllte sich nicht. Das Gegenteil trat ein – Nasser erklärte den Juden den "Zermürbungskrieg" und hob den Waffenstillstand auf. Seitdem wird am Suezkanal ununterbrochen gekämpft. Nach dem Juni 1967 verloren sie mehr als doppelt so viele Menschen wie während des Siebentagekrieges.
  • Die Niederlage der Araber öffnete den Sowjets das Tor zum Einzug in die Nahostregion. Durch Waffenlieferungen und eine Beraterarmee sind vor allem Ägypten und Syrien in Moskaus Abhängigkeit geraten. Die USA als zweite Weltmacht haben dagegen ihren Einfluß im arabischen Raum verloren.
  • Das militärische Fiasko der arabischen Staaten förderte die Kampfbereitschaft und den Organisationswillen der Flüchtlinge aus dem ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina. Mit ihren rund 40 Partisanengruppen führen sie an allen Grenzen seit über 1000 Tagen einen Guerillakampf gegen Israel zur "Befreiung" des Landes vom Zionismus und zur Gründung eines Staates Palästina. Er zwingt, ebenso wie Nassers unerklärter Krieg, die Israelis zu großen militärischen und wirtschaftlichen Anstrengungen. Einer der neuesten Schlager, die in Israel gesungen werden, beginnt mit dem Satz: "Die Jagd nimmt kein Ende, aber unsere Nerven sind aus Stahl."

So aussichtslos eine friedliche Lösung des Konfliktes, selbst unter dem Druck der Weltmächte, ist, so verwegen ist die Erwartung der Araber, Israel in die Knie zwingen zu können. Die Folge ist ein politischer Immobilismus im Nahen Osten. Dem "arabischen Khartum" – wo die Ablehnung von Friedensverhandlungen und der staatlichen Anerkennung des Judenstaates beschlossen wurde – hat sich ein "israelisches Khartum" zugesellt, das jeden Kompromiß mit den Arabern ohne bindende Garantie verweigert: Nasser fordert den Rückzug der Israelis aus allen besetzten Gebieten, ehe er das Ende des Kriegszustandes erklärt; Golda Meir verlangt eine Friedensregelung vor dem Truppenabzug.

In dieser schier ausweglosen Situation ist in den beiden feindlichen Lagern dennoch manches in Bewegung geraten. Zwischenlösungen werden geschaffen und diskutiert.

Nachdem die israelische Regierung unmittelbar nach dem Junikrieg die Jerusalemer Altstadt annektierte und in den eroberten Gebieten mit dem Aufbau befestigter Grenzdörfer begann, hat sie in diesen Tagen ein erweitertes Programm einer "kalten Annexion" entworfen. Darunter fällt die Ansiedlung von 250 jüdischen Familien in der Stadt Hebron am Westufer des Jordan, die Verdoppelung der jüdischen Einwohnerzahl in Jerusalem nach dem Werbeslogan: "Eine zweite Wohnung und das erste Kind in Jerusalem", ferner die Übersiedlung von 300 000 Flüchtlingen aus dem Gazastreifen in das Jordan-Territorium und die Errichtung von 30 weiteren Wehrdörfern in dem Sicherheitsstreifen gegenüber Syrien, Jordanien und Ägypten.

Diese neue Phase der "Israelisierung" des Besatzungsgebietes wurde von der "Regierung der nationalen Einheit" gebilligt. Sie entspricht vor allem der Groß-Israel-Ideologie der Maximalisten auf dem rechten Flügel der Mammutkoalition. Deren Hauptsprecher, der Transportminister Ezer Weizman, begründete denn auch das Hebron-Projekt mit dem historischen Argument: In dieser Stadt sei einst David zum König gekrönt worden, und dort habe er sieben Jahre lang regiert.