„Don Niño oder Die Geographie der Träume“, Roman von Miguel Angel Asturias. Don Ninos Vorfahren haben sich durch listige Piraterie bereichert. In stürmischen Nächten entfachten sie Leuchtfeuer auf den Klippen, brachten Schiffe von ihrem Weg ab, bis sie an den Felsen zerschellten, und sammelten bei Tageslicht das Strandgut auf. Der letzte Sproß dieser Sippe wird von Asturias zuerst als träumerisches eigenbrötlerisches Kind in einem großen Hazienda-Haus geschildert, wo ihm greise Fischer aus der sagenhaften Geschichte seiner Ahnen erzählen, und zuletzt als ein homoerotisches, sadistisches Bürschchen, das mit einem blinden Gärtnersohn schmust und peinigende Scherze treibt. Die Geschehnisse in einem Wanderzirkus, der auf Don Niños Besitzungen kurz seine Zelte aufstellt, die Geschichten der Fischer, eine Seereise und ein paar vom Gärtner vorgetragene Legenden bilden die Hauptstücke des Buches. Asturias hat in diesem 1961 veröffentlichten Roman an seine frühe Prosa aus den dreißiger Jahren angeknüpft. Sie ist evokationsmächtig, besitzt grotesken Humor, aber quält auch mit rücksichtslosen Metaphern und Vergleichen („Sein Gesicht war anzusehen wie eine metallene Stadt vor einem fernen Gewitter“). Poetische Maßlosigkeit verniedlicht schließlich selbst Grauenvolles und Erotisches, so daß man trotz guatemaltekischer Szenerie und der stilistischen Etikette „Magischer Realismus“ den Eindruck gewinnt: diese „Geographie der Träume“ hätte ein Walt Disney sehr wohl verfilmen können. (Luchterhand Verlag, Neuwied; 217 S., 16,80 DM)

Germán Kratochwil

„Treibjagd“, Roman von Barbara Gay. Laut Klappentext soll dies das Machwerk einer sich hinter einem Pseudonym verbergenden bekannten deutschen Autorin sein. Zugunsten des in Frage kommenden Personenkreises will ich annehmen, daß es sich hierbei um einen Reklametrick handelt, dessen der Roman auch dringend bedarf, denn er ist miserabel. Er ist artig und phantasielos nach dem Rezept gearbeitet, das die Massenproduktion dezenter Pornographie kennzeichnet: Man nehme ein paar adelige Herrschaften oder Leute mit viel Geld, lasse sie frivole Gedanken haben und verwirklichen, mystifiziere das Ganze mit einer Spur Verbrechen und dunkler Vergangenheit, verbinde alles mit tiefschürfenden Kommentaren und serviere es bunt verpackt und kostspielig. Ein Lob den „Lore“-Romanen, die sich dem Käufer unverblümt als Groschenheft anbieten. Zwar war die Autorin von der guten Absicht geleitet, die Männer vor der zerstörerischen Kraft der Frauen zu warnen, doch mangelt es ihrem Unternehmen an jeglicher Überzeugungskraft – nicht zuletzt wegen eines unerträglichen Stenogrammstils. So muß denn ihre Vermutung, die Frauen würden sie nach der Lektüre hassen, reichlich übertrieben wirken. Bereits mit dem Vorwort verscherzt sie sich die Chance, so recht ernst genommen zu werden. Es fängt nämlich so an: „Ich mag Vorworte nicht, und ich hoffe, daß auch dieses nicht gelesen wird.“ Es wäre schön, wenn der ganze Roman ungelesen bliebe. (Verlag Rütten + Loening, Bern/München/Wien; 184 S., 16,80 DM)

Christel Buschmann

„Die Flucht“, Roman von Barry England. Die ganzen, die harten Männer sind doch noch nicht auf das Feld der Schnapswerbung oder ins Fernsehprogramm für Kinder abgedrängt worden. Bei Barry England, einem Londoner, der im Korea-Krieg gekämpft hat, dürfen zwei eiserne Burschen, Ausbrecher aus dem Gefangenentransport, ihre persönlichen Schlachten gegen den übermächtigen Feind ausfechten, ehe sie ehrenvoll und notgedrungen – also nach dem Lehrbuch: tragisch – scheitern. Die Ausbrecher, die, um voranzukommen, auch unbeteiligte Leute niederschlagen oder abschlachten, führen ein Höllenleben. Doch ihre Hölle hat einigen Reiz, weil schlappe Burschen da nie hineindürften. Die Kameraderie tut wohl, trotz kleiner Reibereien, der herbe Soldatenhumor ist ein wunderbares Ventil, und sogar der Feind, der Helikopterpilot, dem das Paar nie entkommen wird, spendet noch Männerentzücken und Sportlerglück. Der Mann ist gut, und sie sind gut, man respektiert einander, auch wenn die Begegnung tödlich enden muß – „Die Flucht“ wird schon verfilmt. (Paul Zsolnay Verlag, Wien/Hamburg; 286 S., 19,80 DM) Christa Rotzoll

„Bibliographie der Personalbibliographien zur deutschen Gegenwartsliteratur“ von Herbert Wiesner, Irena Zivsa und Christoph Stoll. Personalbibliographien sind Verzeichnisse aller Schriften von einem und über einen Autor. Solche Publikationsverzeichnisse ihrerseits zu bibliographieren ist notwendig, weil Personalbibliographien oft versteckt, etwa als Appendices zu Forschungsberichten, Dissertationen und Festschriften erschienen sind. Die Zusammensteller der Personalbibliographien von über fünfhundert deutschsprachigen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts haben einschlägige Erfahrung: Sie bearbeiteten auch die zweite, verbesserte Auflage des „Handbuchs der deutschen Gegenwartsliteratur“, hielten 95 Prozent der Titel, die sie aufführen, selber in der Hand und erreichten daher einen Genauigkeitsgrad, der selten ist; Stichproben bei 35 Autoren ergaben nicht den geringsten Fehler. Rühmend sei überdies erwähnt, daß der Begriff „Schriftsteller“ weit gefaßt wurde: Auch Personalbibliographien von Wissenschaftlern, Politikern und Kritikern von Rang und Wirkung sind verzeichnet, und außerdem sind die Bibliographien kommentiert: Es wird vermerkt, wenn sie unvollständig oder inzwischen überholt sind. Bibliographien braucht man einfach, und wenn sie so gut sind wie die vorliegende, dann machen sie mehr Spaß als ein mittelmäßiger Roman. (Nymphenburger Verlagshandlung, München; 360 S., 19,80 DM) Jörg Drews