Ich habe gedacht, Leninfilme sehen sich nur linke Leute an“, sagt das DKP-Mädchen betroffen. Es hat mit ihren Parteigenossen natürlich bei jedem der aus Anlaß des 100. Geburtstags von Lenin gezeigten Filme begeistert geklatscht und mußte erleben, daß andere Kinobesucher sich über diesen Beifall lustig machten, daß sogar gezischt wurde. Von „Reaktionären“? Es ist schwer, dem Mädchen klarzumachen, daß die Klatschenden viel „reaktionärer“ sein mußten, wenn sie etwa den Film „Das Herz einer Mutter“ des Beifalls würdig fanden.

Spätestens nach der Vorführung dieser 1964 gedrehten Schnulze über die Familie Wladimir Lenins war klar, daß die vom Komma-Klub in München organisierte und von Botschafter Zarapkin eröffnete „Woche des sowjetischen Films“ keine Familienfeier braver Leninschüler sein würde. Der Klub – einst ein interessantes literar-politisches Schwabinger Forum, in dem Yaak Karsunke, Peter Hamm, Heinar Kipphardt das Wort führten – ist, seit einige seiner Leiter den sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei befürworteten, nur noch eine Filiale der DKP, aber er versuchte jetzt noch einmal sein altes Image zu retten: Anschließend an die Vorführung der Filme gab es jedesmal eine Diskussion, und die anwesenden sowjetischen Schauspieler sowie Professor Jurenjew von der Moskauer Filmakademie beantworteten Fragen.

Der Film über die Mutter Lenins beginnt mit einer Reihe von Madonnenbildern – ob das eine Anspielung auf die gottähnliche Rolle Lenins habe sein sollen, wurde der Darsteller des jungen Lenin gefragt. Das könne doch unmöglich im Sinne des großen russischen Revolutionärs gewesen sein. Der erstaunlich lebendige Schauspieler – im Film war er auf das einzige der Nachwelt erhaltene Photo Lenins aus seiner Gymnasiastenzeit getrimmt worden und wirkte wie ein Abziehbild – war verwirrt. „Ein Einfall der Regie“, meinte er verlegen.

„Soll der sowjetische Zuschauer mit Hilfe dieses Films im Sinne einer autoritäten Familie erzogen werden?“ fragte ein anderer. „Die Mutter ist hier doch völlig als unterdrücktes Wesen dargestellt, als Heimchen am Herd, das nur auf den Herrn Gemahl wartet, um ihm die gewärmten Pantoffel zu reichen!“ Man habe die Familie zeigen wollen, die einen so bedeutenden Sohn hervorgebracht hat; das sei alles, erklärte Professor Jurenjew, dem die Fragestellung völlig unverständlich war, mit Nachdruck. Eine aufgeklärte Intellektuellenfamilie des vorigen Jahrhunderts sei eben so gewesen.

Tatsächlich stimmt im „Herz einer Mutter“ alles bis aufs I-Tüpfelchen: Die Mutter ist haargenau so gekleidet wie Lenins Mutter, sie spricht die verbrieften Sätze aus den Erinnerungen ihrer Tochter; geht dieselben Wege. Das Gefängnis, in dem ihr ältester Sohn Alexander und die Tochter Anna saßen, wurde sachgemäß nachgebildet, und die Mutter Lenins fährt – zum großen Vergnügen der Zuschauer – auch in einer originalgetreu nachgebildeten Pferdebahn durch das alte Petersburg. Sie erlebt alle Schicksalsschläge der Leninmutter, und dennoch ist da nichts in ihrem stets edel leidgeprüften Gesicht, was Mitgefühl erregen würde. Der Geist der Familie der Uljanows ist in keinem Wort, keiner Geste der so vollendet ähnlich maskierten Schauspieler zu spüren. Was gezeigt wird, ist die spießige (und natürlich durch und durch autoritäre) vorbildliche Sowjetfamilie von heute in den historischen Kostümen der „heiligen“ Leninfamilie.

Darum war auch die Frage müßig, ob man es sich in Moskau leisten könnte, einen Film über den illegalen revolutionären Kampf Lenins und die Verhaftung seiner Geschwister zu zeigen, da doch heute in der Sowjetunion wieder Schriftsteller verhaftet würden (empörtes Zischen der DKP-Zuschauer). Dieser Film kann in der Sowjetunion jederzeit gezeigt werden, da ist keine Gefahr: Von ihm springt bestimmt kein revolutionärer Funke über die Leinwand. Da springt überhaupt nichts.

In den besser gemachten Filmen ist des Pudels Kern nicht minder deutlich zu erkennen. Der Lenin aus dem „Mann mit dem Gewehr“, von dem Schauspieler Strauch überzeugend dargestellt (selbst Nadeshda Krupskaja, die Witwe Lenins, soll ihn akzeptiert haben), der Bauer im Soldatenrock, das alles stimmt, und doch, so stellt bereits der erste Diskussionsredner im Komma-Klub fest, stimmt der Film als Ganzes nicht. Lenin wird in ihm wie ein guter Onkel oder wie ein unfehlbares Orakel gezeigt und wie Väterchen Zar persönlich verehrt. Vielleicht wußter. es die einfachen Bauern damals nicht besser, das stimmt – aber Lenin selbst wollte eine solche Verehrung gewiß nicht, es war ja sein Ziel, der Sklavengeist des Volkes zu brechen – warum also drehte man einen solchen Film?