Ist der französische Ministerpräsident Chaban-Delmas am Ende? Diese Frage wurde aktuell durch einen Streit im französischen Regierungslager über eine neue Initiative: die Öffnung nach links. Staatspräsident Pompidou hat offenbar Grund, mit dieser Entwicklung unzufrieden zu sein. Er wurde davon nicht rechtzeitig unterrichtet, und er sieht, daß die Debatte um die Konturen der Regierungsmehrheit immer mehr in die Frage einmündet: Wer ist der Mann, der sie repräsentieren soll? Also: wer soll Ministerpräsident sein? Ihn aber zu bestimmen ist allein dem Staatspräsidenten vorbehalten.

Der Vorschlag, um den der Streit geht, wurde auf dem Kongreß der Junggaullisten von Staatsminister Frey gemacht, der in kühnem Vorgriff auf die Probleme des Jahres 1971 verlangte, die Gaullisten sollten bei den Kommunalwahlen keine Koalition scheuen, um den Kommunisten die Rathäuser zu entreißen. Solche Wahlbündnisse werden aber auf lokaler Ebene nach lokalen Gesetzmäßigkeiten entschieden. Und gewiß haben die Parteiapparate der Linken keinen Anlaß, lokale Koalitionen mit Regierungsvertretern an die große Glocke zu hängen. Die Linken haben denn auch gleich abgewunken; und niemand hatte anderes erwartet.

Warum also der Vorstoß? Die Frage ist noch nicht eindeutig zu beantworten. Deutlich geworden ist aber, daß die Mehrheit Angst vor Wahlen hat und daß der Staatspräsident in absehbarer Zukunft seinen Nachfolger für Ministerpräsident Chaban-Delmas suchen will. Seine Ablösung könnte allerdings daran scheitern, daß sich mögliche Nachfolger durch ungeschickte Initiativen selbst das Spiel verderben. E. W.