Die sogenannte „Sexwelle“ hielt ich immer für ganz harmlos. Es ist ja nur eine Sex-Geschwätzwelle. Nur sehr junge Leute können glauben, daß die älteren Generationen, lebende und vergangene, von ihrem Sex weniger Gebrauch machten als die heutige Jugend. Es war nur nicht Mode, dauernd darüber zu reden. Übrigens, jede Stunde, die man mit Diskussionen über Sex verbringt, ist für den Sex verloren – ausgenommen natürlich, es handelt sich um ein Zweck-, ein Vorbereitungsgespräch.

Jetzt sehe ich ein, daß die Sexwelle manchmal doch gefährlich sein kann. Sie stiftet Verwirrung; und die Köpfe sind vom andauernden Sex-Bla-Bla schon so verdreht daß man glaubt, alles sei möglich.

Da hatte man neulich in Ludwigsburg einen vierundzwanzig jährigen Mann zum Gesundheitsamt vorgeladen. Man wollte ihm beweisen, daß er der Vater eines vierzehnjährigen Mädchens wäre. Es hat sich zwar, zum Glück, erwiesen, daß nicht er, sondern ein um zehn Jahre älterer Namensvetter der vermutliche Vater ist. Der junge Mann ist gut davongekommen; er hat nur Zeit und acht Kubikzentimeter Blut verloren. Diesmal. Was aber wäre, stünde da kein Namensvetter zur Verfügung?

Na ja, gut, daß man nicht eine junge Frau unter den Verdacht der Vaterschaft gestellt hat. In unserer Zeit der weitgehenden Emanzipation wäre auch das nicht ausgeschlossen. Einem Mann in Phoenix, Arizona, USA, der mit Lungenentzündung im Krankenhaus lag, hat der Computer bestätigt, daß er ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht habe. Auch in diesem Fall hat es sich als Irrtum herausgestellt.

Schade. In Ludwigsburg hätte man einen europäischen Rekord buchen können. Und in Phoenix (ach, wie symbolisch der Name ist!) hätte die größte aller Weltrevolutionen ihren Anfang nehmen können: Die biologische Emanzipation des Marines wäre ein riesiger Schritt zu seiner Befreiung. Der Mann aus Phoenix hätte noch dazu einen horrenden Betrag kassiert: Schon im vergangenen Jahrhundert – habe ich einmal gelesen – wurde ein hoher Preis für den ersten Mann, der ein Kind gebären wird, ausgeschrieben. Mit Zinsen und Zinseszinsen sind es jetzt mehrere Millionen Dollar.

Allerdings, man kann mit Sicherheit behaupten, daß dieses Geld niemand bekommen wird, möge der Fortschritt der Wissenschaft noch so groß sein! Die Bedingungen sind nämlich widersprüchlich: Denn jeder, der ein Kind gebärt, beweist damit, daß er eben kein Mann ist. Das steckt schon in der Definition.

Emanzipation hin, Sexwelle her – es gibt doch noch Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die man nicht ausgleichen kann. Ich hoffe es mindestens. Und ich bitte höflichst die Herren Wissenschaftler, die andere An- und Absichten haben: Sie sollen noch etwa vierzig Jahre abwarten. Dann macht mir persönlich ein Unterschied nichts mehr aus.

Gabriel Laub