„Späte Rosen“, um mit Gottfried Keller zu sprechen, verteilten die 73 000 Zuschauer im Stuttgarter Neckarstadion beim Spiel gegen Rumänien, als sie provozierend „Uwe-Uwe“-Rufe anstimmten. Der Volkszorn artikulierte sich in dieser Form, um die Enttäuschung weniger über das Ergebnis von 1:1 als über den Verlauf des Spieles deutlich zu machen. Dabei war der Wunsch nach elan- und systemvollen Spiel der Vater des Gedankens.

Die Fußballauguren zitierten Sepp Herbergers Ausspruch, er habe Alpträume, denke er daran, diese Leistung sei Kriterium für die Beurteilung der Chancen bei der Weltmeisterschaft in Mexiko im Juni. Helmut Schön polemisierte gegen den Streß der Spiele der Bundesliga, früher von ihm gern als positives Argument angeführt: Nur die kontinuierliche Höchstleistung garantiere Spieler „in bester Kondition“.

Nun gilt auch für Deutschlands Fußballer der alte Rechtsgrundsatz „In dubio pro reo“, nach dem niemand verurteilt werden darf, es sei denn, jeder Zweifel an seiner Schuld wäre beseitigt. Die Stereotype, es fehlten ja einige wichtige Spieler (Libuda, Schulz, Seeler), entbehrt deswegen jeder Beweiskraft, weil die gute Form keine Konstante ist. Denn bei der Niederlage in Sevilla vor zwei Monaten gegen Spanien vermißte man Overath und Beckenbauer – beide versagten in Stuttgart nicht –, aber spielentscheidende Impulse gaben auch sie nicht.

Hallers sporadischen Glanzleistungen im Spiel – er hat Ideen, die zu torreifen Situationen führen – folgen Erholungspausen, die das Spiel der deutschen Mannschaft zur Arbeit werden lassen: Fleiß ohne Preis. Gravierender als alle spielerischen Mängel oder etwa die deutlichen Zeichen der physischen Erschöpfung bei den deutschen Spielern, wie fehlende Konzentration beim Abspiel, viel zu spätes Angreifen der rumänischen Spieler schon in deren Spielhälfte oder häufige Verletzungen, scheint die fehlende Konzentration auf die gestellte Aufgabe. Herbergers Ausspruch „Männer, Sie müsse brenne“ vor jedem Länderspiel gilt dafür als Symbol.

Deutschlands Fußballhelden aber sind müde und ausgebrannt. Es fehlte ihnen nicht der gute Wille, wohl aber die Spannung und Ausnahmesituation, die physische und psychische Kräfte mobilisieren, für die der gute Wille allein nicht ausreicht. Dazu gehört allerdings endlich Schöns Entscheidung für eine Mannschaft, die die nächsten Spiele am 9. und 13. Mai (gegen Nordirland und Jugoslawien) einmal in der gleichen Aufstellung spielt.

Stimuliert Helmut Schön die Mannschaft – seine Mannschaft – so, daß sie „brennt“, liegt darin die Hoffnung für Mexiko. Platon nannte die Hoffnung eine zweifelhafte und gefährliche Gabe. Ein anderer Ausspruch besagt, sie sei die Erwartung des Guten. Fußball-Deutschland hält sich an den zweiten. Jürgen Werner