Köln

Die Evangelische Studentengemeinde der Universität Köln droht eine Herde ohne Hirt zu werden. Nachdem bereits zwei der drei Pfarrstellen verwaist sind, schwebt über den akademischen Protestanten die Gefahr, auch den dritten und lernen Pastor zu verlieren: Die rheinische Landeskirche will den Seelsorger Frieder Stichler aus Köln vergraulen, indem sie ihn nicht in die vakante erste Studentenpfarrstelle beruft.

Neben Stichler, der in Köln ausländische Studenten und das Studentendorf Efferen betreut, fanden sich noch zwei weitere Kandidaten ein, als die Kölner Studentengemeinde schließlich daranging, ihren ersten Seelsorger zu wählen. Am 8. Juli 1969 fand eine Vollversammlung der Studentengemeinde statt, in der die Pfarrerwahl anstand. In einer Podiumsdiskussion trugen die drei Bewerber ihre Vorstellungen vor, anschließend stürzten sich die Studenten in eine ausführliche Personaldebatte. Nach dem dritten Wahlgang lag Pfarrer Stichler in Führung: 79 Jungakademiker hatten für ihn gestimmt, 45 für den Gegenkandidaten. Der dritte hatte seine Kandidatur vor dem dritten Wahlgang zurückgezogen.

Doch schon bald braute sich über Stichler ein Gewitter zusammen. Der ausscheidende Pfarrer Gerlach machte in seinem Bericht an das Düsseldorfer Landeskirchenamt über die Wahl Stichlers einige Marginalien, die die Kirchenoberen keineswegs für den siegreichen Pastor einnahmen. Er berichtete nämlich, daß auch Studenten mitgewählt hätten. die in keinem Verhältnis zur Evangelischen Studentengemeinde (ESG) standen, sondern die sich mehr aus politischen Hochschulgruppen und aus katholischen Studenten, die sich in Opposition zu den katholischen Priestern befinden, rekrutierten.

Es war deshalb kaum erstaunlich, daß das Düsseldorfer Landeskirchenamt die Berufung Stichlers ablehnte. Eine Begründung gab Oberkirchenrat Immer allerdings nicht, als er dies nach Köln am 26. August mitteilte. Die Studenten insistierten und verlangten von der Kirchenleitung umfassende Auskunft über diese Entscheidung. Am J. Oktober bemühte sich Immer nach Köln, um dem Wahlausschuß, einigen Vertrauensstudenten der BSG sowie Pfarrer Stichler Rede und Antwort zu stehen, Nach dem Stenogramm. das die Studenten mit Wissen Immers von der Diskussion anfertigen, nannte der Düsseldorfer Kirchenabgesandte drei Gründe für die Ablehnung; erstens das Wahlverfahren, zweitens die Zugehörigkeit Stichlers zur württembergischen Landeskirche und drittens die theologischpolitische Einstellung des Pfarrers.

Die Studenten wußten, daß in den ersten beiden Punkten formal das Recht auf der Seite der Landeskirche stand. Denn die Wahlordnung für Studentenpfarrer war vom Landeskirchenamt nie offiziell genehmigt, in der Vergangenheit jedoch immer toleriert worden; zweifelsfrei war Stichler auch 1964 nur für sechs Jahre von seiner württembergischen Landeskirche beurlaubt worden. Das Gesprächkonzentrierte sich deshalb auch bald auf den dritten Punkt, die engagierte theologische und politische Haltung Stichlers.

Oberkirchenrat Immer erläuterte vor den Studenten seine Konzeption über die Aufgaben eines Pfarrers im Hochschulbereich: er solle Berater der Studentengemeinde, eine Art Heimleiter für das Studentenwohnheim, Gesprächspartner der Kirche mit den Professoren und Dozenten sowie Gesprächspartner der Kirche mit anderen Gruppen sein, also ein „Diplomat der Kirche an der Universität, der sich mit allen dort gut zu stellen hat“, wie Stichler interpretierte.