Hamburg

Er war kein Ideologe und die Geschäftigkeit farbloser Funktionäre war ihm fremd: Dr. Paul Nevermann, Hamburgs Erster Bürgermeister zwischen 1960 und 1965 und seit vier Jahren Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei der Hansestadt, legt am 20. Juni das höchste Parteiamt des Landesverbandes in jüngere Hände.

Nevermann, als Parteichef mehr tüchtig und fleißig als glänzend, verstand es, Unzufriedenheit unter den Genossen aufzufangen und zu kanalisieren. Unter seiner Führung kannte Hamburgs SPD keine Flügelkämpfe: Die Partei verwaltete sich selbst, politische Programme überließ sie weitgehend Senat und Bürgerschaft.

Der scheidende Landesvorsitzende schaute den „Genossen aufs Maul“; die Alten liebten seine „Döntjes“, den Jüngeren gefiel er durch seine differenzierte Kritik an Establishment und Demonstranten. Sein Vokabular ist gegenwartsnah, und hinter seinen unpathetischen Formulierungen steht Leidenschaft und eine tiefe Bildung: Der Sohn eines Altonaer Brauereiarbeiters erkämpfte sich nach einer Schlosserlehre in Abiturientenkursen die Reifeprüfung; als Werkstudent schaffte er, 28jährig, die Promotion an der Hamburger Universität.

Seit 1946 als Bausenator im Rathaus, ist er mit dem Wiederaufbau der Handelsmetropole an der Elbe untrennbar verbunden, Vor neun Jahren löste er Max Brauer als Ersten Bürgermeister ab. In jenen Jahren stieg seine Popularität noch stärker an; Nevermann lag als „bekanntester“ Hamburger noch vor „Uns Uwe“ Seeler.

Sein Sturz vom Bürgermeistersessel lag nicht in politischem Versagen. Er stolperte über sein Privatleben. Seit Anfang 1965 von seiner Frau Grete getrennt lebend, kam das Familiendebakel beim Besuch der englischen Queen an den Tag: Frau Grete weigerte sich, als „First Lady“ zu repräsentieren, Nevermann trat als Bürgermeister zurück, doch die sonst steifen Hanseaten schickten ihm Körbe voll Blumen.

Jetzt, nachdem er den SPD-Vorsitz als eines seiner letzten politischen Ämter abgibt, will er sich verstärkt seinen Aufgaben als Präsident des Deutschen Mieterbundes widmen: „Mietenpaule“ wird auch in Zukunft, trotz seiner 68 Jahre, das Ohr am Hamburger Volk haben. S. B.