Von Joachim Nawrocki

Nach den heftigen Kontroversen um den Schülerladen „Rote Freiheit“ in Berlin-Kreuzberg ist dieser Laden jetzt geschlossen worden. Jugendsenator Korber. hat den Studenten des Psychologischen Instituts untersagt, die Kreuzberger Schüler weiter zu betreuen oder mit ihnen zu arbeiten. Zur Begründung führte Korber unter anderem an, daß die Studenten bemüht gewesen seien, „die Kinder durch einseitige und verzerrende Information in einer ihrem Alter und Entwicklungsstand in keiner Weise entsprechenden Art politisch zu beeinflussen“. Professor Holzkamp, Direktor des Psychologischen Instituts, hat die Vorwürfe zurückgewiesen; sie seien weniger sachlich als politisch motiviert.

Alles, was passiert, wird hier wieder mal den Boten der schlechten Nachricht angelastet“, sagte die Philosophin Margharita von Brentano in einer Pressekonferenz, die dem umstrittenen Schülerladen des Psychologischen Instituts der Freien Universität Berlin (FU) galt. Dieser Satz ist durchaus doppeldeutig, wenn man die Unduldsamkeit bedenkt, mit der das Institut und das Rektorat der FU auf Tageszeitungsberichte über den Schülerladen mit dem Namen „Rote Freiheit“ reagiert haben.

Nicht nur die Psychologiestudenten, die in dem Schülerladen im Berliner Kreuzbergviertel als „Betreuer“ tätig waren, brachten! die schlechte Nachricht von verhaltensgestörten Kindern und legten sie in Protokollen nieder. Die Protokolle selbst, die nicht nur in Berlin Empörung erregt haben, sind schlechte Nachricht: denn Studenten mit unzureichender wissenschaftlicher Qualifikation haben ihre Arbeit im Schülerladen zu extremer politischer Indoktrination ausgenutzt.

Der verantwortliche Dozent und Direktor des Psychologischen Instituts, Professor Klaus Holzkamp, bestritt dies. Man habe neue didaktische Konzepte für die sozialpolitische, Bildung entwickeln wollen, sagte er. Den Kindern unterprivilegierter Schichten werde das trügerische Bild von Harmonie und Chancengleichheit vorgegaukelt, so daß sie ihre eigene Erfolglosigkeit als Unfähigkeit ansehen. Dem müsse durch Entwicklung der Fähigkeit zu Kritik und zu gemeinsamem Handeln entgegengewirkt werden. Auf den Vorwurf, die Kinder seien als Versuchskaninchen benutzt worden, entgegnete Holzkamp, es habe Experimente nur im Sinne einer „kontrollierten Beobachtung unter theoretischen Fragestellungen“ gegeben.

„Ich kam um kurz vor 14 Uhr am Laden an. Einige Jungen warteten schon und kamen mir mit großem Gejohle entgegen, um mir zu helfen, Tonband, Tasche und Stangen für das Transparent zu tragen. Auf die gestrige Rausschmißaktion spielte keiner an. Im Laden erklärte ich gleich, was wir mit den Stangen machen wollten und daß am Samstag eine Vietnam-Demonstration sei.“ So beginnt eines der Protokolle, die jemand unbefugt aus dem Psychologischen Institut entfernt hat.

Um den Inhalt dieser Protokolle zu entkräften, hielt Professor Holzkamp sich an deren Form; er fand das Wort „revolutionäre Märchensprache“. Doch mögen es auch nur „Gedächtnisprotokolle“ sein, und mag man sie vielleicht unkorrekt verkürzt veröffentlicht haben: es ist schon bezeichnend, daß Protokolle, die für wissenschaftliche Zwecke angefertigt werden, keine wissenschaftliche Diktion, sondern eine revolutionäre Märdiensprache enthalten. Und es kann nicht bestritten werden, daß die Fakten in diesen Berichten, trotz aller Vorbehalte über die Genauigkeit der Beobachtungen durchaus stimmen. Diese Fakten zeigen, daß die meisten Studenten im Schülerladen nur am Rande im Dienste der Wissenschaft und in der Hauptsache im Dienste ihrer politischen Ziele tätig waren.