Die Furcht vor steigenden Preisen beherrscht seit Monaten die Bundesrepublik. Ende März lagen die Verbraucherpreise um 3,7 Prozent über dem Stand des Vorjahres. Wird die Preiswelle weitergehen? Die Verbraucherpreise reagieren auf Veränderungen der konjunkturellen Lage erfahrungsgemäß mit erheblicher zeitlicher Verzögerung. Besser läßt sich die Wirkung der dämpfenden wirtschaftspolitischen Maßnahmen an der Entwicklung der industriellen Erzeugerpreise und vor allem an den Preisen der Investitionsgüter ablesen. Sie spiegeln die Konjunkturentwicklung nur mit einer verhältnismäßig geringen zeitlichen Verzögerung wider. Der Preisindex für diese Produkte ist allein in den drei Monaten von November 1969 bis Januar 1970 um 2,4 Prozent gestiegen. Verglichen mit dem Januar des Vorjahres lagen die Preise durchschnittlich um 5,8 Prozent höher. Ende Februar betrug die Preisdifferenz zum Vorjahr dann sogar 6,2 Prozent. Dieser Anstieg ist um so eindrucksvoller, wenn man sich vor Augen hält, daß der Industriepreisindex Anfang 1968 kaum höher lag als noch sechs Jahre zuvor. Setzt man den Index für 1962 = 100 so lag er im Februar des vergangenen Jahres erst bei 100,1. DIE ZEIT untersuchte die Preisentwicklung der Branchen, die ‚im Zentrum der Konjunktur“ stehen. Wenn sie weiterhin Vorreiter der Preisentwicklung bleiben, muß befürchtet werden, daß bei den Verbraucherpreisen kurzfristig noch nicht mit einem Rückgang der Steigerungsrate zu rechnen ist.

Energie:

Noch nie seit Korea

Ein neuer Kraftwerksblock bei der Veba-Tochter Hibernia AG würde heute dreißig Prozent mehr kosten als der im Jahr 1968 bestellte letzte Block. So rechnete es Veba-Chef Heinz P. Kemper jüngst vor und unterstrich damit, wie stark die Investitionsgüterpreise für die Stromwirtschaft gestiegen sind. Kemper schränkte allerdings ein, daß die bisher bestellten drei Blöcke außergewöhnlich billig waren, weil die ersten Bestellungen in den Flautejahren 1966/67 herausgingen. Trotz höherer Kosten wird die Veba den neuen Kraftwerksblock aller Voraussicht nach bestellen. Eine Auswirkung auf die Strompreise ist dennoch unwahrscheinlich. Dazu Vorstandsmitglied Rudolf von Benningsen: „Eine Strompreiserhöhung steht nicht zur Diskussion.“

Was der Stromwirtschaft möglich ist – ein Auffangen der Kosten –, geht im Steinkohlebergbau nicht. So war schon die Kohlepreiserhöhung vom Oktober vergangenen Jahres auch eine Folge höherer Kosten für maschinelle Einrichtungen. Von der Ruhrkohle AG ist zu hören, daß die Kosten 1969 im Schnitt um zehn Prozent gestiegen, sind und Steigerungen bei Bergwerksmaschinen erheblich über diesen Durchschnittswert hinausgingen. Für 1970 wird – ohne Berücksichtigung der jüngsten Lohnforderungen der Bergarbeitergewerkschaft – mit einer Mehrbelastung von fünf Prozent gerechnet, wobei die Steigerungsraten bei Maschinen noch höher sein werden. „Eine solche Preisauftriebswelle“, so heißt es bei der Ruhrkohle AG, „haben wir seit dem Korea-Boom nicht mehr erlebt.“ Neben den Lohnforderungen der IG Bergbau werden die Preisforderungen der Zulieferer den Bergbau weiter auf Kosten treiben und damit zu neueren Preiserhöhungen zwingen.

Elektrotechnik: Den Verbraucher getroffen

Jahrelang waren in der elektrotechnischen Industrie bei den Investitionsgütern fast gar keine Preisbewegungen zu verzeichnen. Von Februar 1969 bis Februar 1970 aber stieg der Index der Erzeugerpreise für elektrotechnische Investitionsgüter um 8,4 Prozent. Im September vorigen Jahres kam die Preislawine erst richtig ins Rollen, und allein in dem Zeitraum von August 1969 bis Februar dieses Jahres war eine Preissteigerung von 6,4 Prozent zu registrieren.