Wentorf/Hamburg

Schulklassen und Schlafsäle standen leer, Lehrerinnen mit teuren Spezialausbildungen zählten Kaffeetassen, Glühbirnen und Gabeln. Nur unterrichten durften sie nicht. Seit über zehn Wochen waren die 43 sprachgestörten Kinder aus Schleswig-Holstein nicht mehr in ihre idyllisch in einem großen Park gelegene Internatsschule für sprachgestörte Kinder in Wentorf bei Hamburg zurückgekehrt. Der Streit um den Direktor und das CDU-Mitglied Konrad Leites legte den Schulbetrieb lahm.

Als die Wentorfer Direktorenstelle im vergangenen Jahr neu ausgeschrieben wurde ging in Kiel Parteizugehörigkeit vor Qualifikation. „Hier fiel die Entscheidung im politischen Raum“, erklärte selbstbewußt der Staatssekretär im Kultusministerium, Reinhold Borzikowski. So hievten dann die schleswig-holsteinischen CDU-Mannen (Leites: „Meine starken Freunde“) den Taubstummen-Oberlehrer aus Hamburg gegen den Protest von Fachverbänden und dem Wentorfer Schulkollegium in den Sattel. Seit dem 1. Mai 1969 regiert Leites in der Wentorfer Schule.

„Ausgerechnet der Kollege kam zu uns als Direktor, der seit zehn Jahren von Hamburg aus unseren Berufsstand madig gemacht hat“, meinte empört der stellvertretende Leiter Winfried Peiler. Zudem hatte sich Konrad Leites in den Augen seiner Wentorfer Kollegen schon einmal lächerlich gemacht: 1960 hatte Leites sich nach Gründung der Schule schon einmal als Direktor beworben. Als ein anderer Bewerber vorgezogen wurde, strengte er gegen das Land Schleswig-Holstein ein Verfahren wegen Nichterteilung an.

Sturm gegen Leites liefen auch die Fachverbände. Der Taubstummen-Oberlehrer hat nicht die in Schleswig-Holstein verlangte Spezialausbildung als Sprachheilpädagoge. Günter Böckmann, Vorsitzender der Landesgruppe Schleswig-Holstein der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilkunde, in einem Brief an den damaligen Kultusminister Claus Joachim von Heydebreck: „... bitte ich von einer Berufung des Herrn Leites Abstand zu nehmen.“ Auch Heinz Cremer, Vorsitzender des Sonderschul-Verbandes, riet von der Berufung Leites entschieden ab.

Die Entscheidung fiel für alle Beteiligten unerwartet und lautlos: Die zuständige Referentin für das Sonderschulwesen im Kultusministerium, Erika Philipps, hatte in einem angeforderten Gutachten zwei qualifizierte Mitbewerber positiv beurteilt, den ihr bekannten Konrad Leites aber „kritisch abgelehnt“. Sie bekam ihr Gutachten zurück mit dem rotunterstrichenen Namen Leites und der lakonischen Randnotiz „Wird ernannt“.

In Wentorf begann der Ärger mit dem neuen Leiter sofort. Sein Stellvertreter Peiler, der zwei Jahre während der Interimszeit die Schule leitete, den Posten als Leiter der Schule wegen Krankheit aber ablehnte, wurde versetzt. Peiler erreichte schließlich beim Verwaltungsgericht Schleswig, daß die Versetzung für nicht zulässig erklärt wurde.