Von Wolf Jessen

Kunsthistoriker gibt es, soweit zu sehen, in zweierlei Ausführung. Die einen hängen an den Rockschößen der Künstler, katalogisieren und definieren, was diese erstellt haben; die anderen setzen sich fröhlich an die Spitze der Kolonne und erteilen Befehle, in welche Richtung sie zu marschieren habe. Bei letzteren (historische Beispiele: Apollinaire, Marinetti) handelt es sich, merkwürdiger- oder bezeichnenderweise, zumeist um ausübende Künstler.

Jürgen Claus, der Münchner Maler-Theoretiker, hat diese beiden auf ihre Weise fatalen Möglichkeiten bisher ungemein geschickt vermieden und umgangen. Zwar schloß er sich in seinen beiden früheren rororo-Bänden „Theorien zeitgenössischer Malerei“ (1963) und „Kunst heute“ (1965) eher der ersten Kategorie an, war ein Sammler, ein Dokumentarist. Aber in beiden Büchern, ohne die jede moderne Kunstbibliothek unvollständig wäre, ließ er doch weitgehend die Künstlerkollegen selbst zu Wort kommen, sich gleichsam selbst katalogisieren, definieren. In seinem neuen Buch nun

Jürgen Claus: „Expansion der Kunst“; rde Band 334/35, Rowohlt Verlag, Reinbek; 171 S., 4,80 DM

scheint er eher zum Programmatiker geworden, zum Apollinetti oder Marinaire. Freilich, auch hier wieder: Er erteilt keine Befehle. Die Richtung, in die er die Kunst und ihre expandierende Entwicklung gelenkt sieht, geben – in drei dokumentarischen Kapiteln – die Künstler, die er ausgewählt hat, selber an.

„Ich habe keine Gefolgschaft im Rücken und kann keinen Mitgliedschein einer Ideologie/Weltanschauung anbieten“, warnt er den einen Teil seiner Leserschaft und beruhigt zugleich den anderen. Was er in Form eines – tatsächlich einmal wirklich handlichen – Handbuches darstellt, hat das Licht der Welt in heftigen und hektischen Diskussionen erblickt, wie sie heute allerorten stattfinden, zumeist in ideologischer Verbrämung, als Randerscheinung und Randergebnis einer allgemeinen, zwischen den Fronten spätkapitalistischer und spätmarxistischer Systeme geführten gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Kunst und Künstler haben sich im Verlauf des letzten Jahrzehnts – für den einen notwendigerweise, für den anderen erschreckend – emanzipiert. Wer heute Kunstfragen abhandelt, muß Stellung beziehen, nicht nur im Ästhetischen. Für die Kunsttheorie heißt das: nicht mehr Aufzählung dessen, was da ist, sondern Streitschrift und Credo, Umriß dessen, was sein wird oder was sein sollte. Eine utopistische Phase.