TOMMASO LANDOLFI, 1908 geboren, ist der Autor von nunmehr einem Dutzend Bänden – Romanen, langen und kurzen Erzählungen‚ Betrachtungen, einem Versdrama. 1966 ist ein Auswahlband mit acht Novellen auf deutsch bei Suhrkamp erschienen, von Charlotte Jenny vorzüglich übersetzt; auch in Frankreich, in den USA ist in diesen Jahren jeweils ein schmaler Auswahlband veröffentlicht worden. Dabei ist Landolfi seit spätestens 1945 ein „Geheimtip“ gewesen. In der Zeitschrift „Story“ hatte H. M. Ledig-Rowohlt, der Wünschelrutengänger, erstmals eine dieser Erzählungen publiziert. Unter Verlegern wie unter Kritikern war in den vierziger und fünfziger Jahren viel von drei großen Namen die Rede, die zu entdecken seien: Jorge Luis Borges, Witold Gombrowicz, Tommaso Landolfi. Die beiden erstgenannten sind seither bekannt geworden, ohne freilich auf Bestsellerlisten zu stehen. Landolfi bleibt ein Name für Eingeweihte. Warum?

In Italien ist Landolfi weithin bekannt durch seine regelmäßig als „elzeviro“, das heißt in den ersten Spalten der dritten Seite im „Corriere della Sera“ erscheinenden Erzählungen. Es ist der Ort, wo auch die Novellen Moravias und anderer namhafter Autoren erstgedruckt werden – eine italienische Tradition, die Skizzen sehr fördert.

Landolfi verwahrt sich gegen die Vermutung, er sei ein Autor „phantastischer Geschichten“. Doch verwahrt er sich ohnehin gegen alle Definitionen. Seit langem erscheint in den italienischen Ausgaben seiner Bücher an Stelle eines Klappentextes nur die Bemerkung: „Auf Wunsch des Autors bleibt dieser Raum weiß.“ Seit Jahren darf kein Bild von ihm veröffentlicht werden, bis auf eines, auf dem er das Gesicht hinter der Hand verbirgt. Ist das Koketterie? So einfach ist es mit Landolfi nicht.

Er hat viele der besten russischen Schriftsteller, insbesondere Dostojewskij und Gogol, wundervoll übersetzt, auch Novalis und Hofmannsthal, und zitiert gerne Wordsworth, griechische, französische Dichter. Eine universale Bildung und Neugier, auch für abseitige Wissensgebiete, lassen ihn als einen gelehrten Schriftsteller, einen „poeta doctus“ erscheinen. Diese Kultur macht ihm das eigene Unterfangen, Geschichten zu schreiben, nur noch fragwürdiger. Oft redet er den Leser an, etwa: „Oh, möchte ich an dieser Stelle ausrufen, oh, daß die Literaten ein bißchen von ihren Vorurteilen Abschied nähmen ...“ In seinen Schilderungen ist er teils wahrhaft poetisch, teils in Anführungszeichen und höhnisch „poetisch“, Illusionen schaffend und wieder raubend, sprunghaft, aber ohne Willkür, aus Zwang. Romantische Ironie und hofmannsthalscher Zweifel an der Tragkraft der Sprache sind in ihm. Eines seiner schönsten Bücher ist die lange Erzählung „Racconto d’autunno“ (Herbstnovelle), eine Liebesgeschichte im besetzten Italien.

In späteren Büchern beklagt Landolfi den Verlust der „dritten Person“; er könne nur noch in der ersten Person schreiben. Jenes räsonierende Ich ist aber zugleich wenn nicht eine „Rolle“, so doch eine Fiktion und drückt das Scheitern des Zusichselberkommens aus. Die Zukunft soll und kann dem Schriftsteller, so Landolfi, nichts bedeuten. „Ich frage mich, warum ich so geringes Interesse an der Zukunft habe und sogar einen Abscheu vor ihr.“ Nur die Vergangenheit sei in Bruchstücken ein möglicher Bestandteil mitteilbarer Erfahrung. Landolfis Verhältnis zur Literatur, zum Ausdruck von „Wahrheit“, ist negativ. „Ich weiß, was man nicht tun und nicht sein soll. Ich weiß nicht, was man soll.“ Er ist „vergeblich auf der Spur jenes andern: meiner selbst“.

Italienische Kritiker haben ihn einen „Manieristen“ genannt. Zuweilen läßt er an Pirandello denken: „Gestalten fordern von mit – der ich selber keines habe – ein Schicksal.“ Die meisten Erzählungen berichten über ein Scheitern, eine progressive Verdunkelung, einen Rückzug aus der Gewißheit, sie beginnen als Gestaltung und enden als Entstaltung. Dabei ist Landolfi so sprunghaft launisch und lebendig wie seine Meister Gogol und Kafka, seine Verzweiflung kommt mehr humoristisch als verquält zum Ausdruck.

Sollte man so komplexe Autoren wie Borges oder Gombrowicz kurz charakterisieren, so käme man in Schwierigkeiten und zu keinem glücklichen Resultat. Ebenso aber verhält es sich mit Tommaso Landolfi. Ich kann nur andeuten, wie sehr es lohnte, dem nunmehr umfangreichen Werk dieses Schriftstellers viel größere Beachtung zu schenken.

François Bondy