London, im April

Der Termin der britischen Unterhauswahlen ist immer noch ein Rätsel. Seine Lösung liegt allein beim Premierminister, dem jeder Donnerstag bis Mai 1971 offensteht. Das scheinen über fünfzig Lösungen zu sein. In Wirklichkeit schrumpft die Auswahl aber erheblich zusammen. November, Dezember und Januar scheiden durch die Leiden und Freuden von Winterwetter und weihnachtlicher Urlaubszeit aus. Nach dem 15. Februar wählen zu lassen wäre politischer Selbstmord, da die Lawine der Preiserhöhungen nach dem Stichtag der neuen Dezimalwährung die Hausfrauen rebellisch stimmen muß. Das schließt praktisch alle Termine nach Oktober aus. Juli, August und der halbe September sind ebenfalls Ferienmonate. Es bleiben streng genommen nur ein paar Donnerstage vor Juli und ein paar Termine zwischen Ende September und Ende Oktober.

Wilson bleibt also praktisch nur noch die Entscheidung: entweder Ende Mai oder erst im Herbst. Seine Anhänger hatten gehofft, zweierlei werde ihm diese Entscheidung erleichtern: Das Resultat der landweiten Kommunalwahlen und die Reaktion auf den Staatshaushalt. Aber zwei Drittel aller Briten blieben zu Hause und gingen nicht in den kühlen April hinaus, um die Grafschaftsräte zu wählen. Bei der Unterhaus-Wahl aber liegt die Beteiligung meist um 75 Prozent.

Die Kommunalwahl also läßt Regierung und Opposition über die Stimmung von rund vier von je zehn Wählern im dunkeln und ist deshalb als Indiz für den politischen Trend ungeeignet. Immerhin haben unter denen, die dennoch abstimmten, die meisten sich für die Konservativen entschieden. Das gilt vor allem für die ländlichen Bezirke, weniger für Groß-London, das ebenfalls sein Stadtparlament wählte. Hier war der Linksrutsch unverkennbar, aber er war längst nicht so stark, als daß er den Premierminister zu raschem Handeln hätte bewegen können.

Bisher verfügten die Tories im Greater London Council über die erdrückende Mehrheit von 81 Sitzen gegen 19 Labour-Mandate. Das war das Resultat der Wahl von 1967 gewesen, als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise das „rote“ London zu den Konservativen überlief. Diese Demütigung hat Labour diesmal noch nicht wettmachen können. Ein Stadtbezirk – Hammersmith – wählt erst Ende des Monats. Wenn es dort keine Überraschungen gibt, setzt sich das neue Londoner Parlament aus 65 Tories und 35 Sozialisten zusammen. Das ist eine Schönheitsoperation für Labour, aber kein Wahlerfolg.

Dennoch würde Wilson die Unterhauswahlen gewinnen, wenn der Trend weg von den Konservativen und hin zu Labour überall im Linde so ausfiele wie bei diesen Londoner Kommunalwahlen. Denn im Unterhaus sind es ja die Tories, die aufholen müssen. Ihr Vorsprung bei den Meinungsumfragen, vor Weihnachten noch fast unangreifbar, ist auf ein paar Prozente zusammengeschmolzen. Noch haben sie Hoffnung. Aber sie müssen im Mai bei den Kommunalwahlen der kreisfreien Gemeinden (außer London) schon ihre Erfolge in den Provinzen wiederholen, wenn sie ruhig in den Wahlkampf ziehen wollen.